Thyssenkrupp vertröstet auf spätere Erholung im Stahlgeschäft

(Neu: Kursreaktion, Aussagen des Finanzvorstands Kerkhoff) - Der Industriezweig von Thyssenkrupp hat sich zu Beginn des neuen Geschäftsjahres 2016/17 einmal mehr als Stütze des Konzerns erwiesen. Unter anderem dank solider Geschäfte mit Aufzügen und Autokomponenten hat Thyssenkrupp im ersten Quartal von Oktober bis Dezember besser abgeschnitten als im Vorjahreszeitraum. Dazu trug nicht zuletzt eine Entspannung in der amerikanischen Stahlsparte bei. Die Erholung im europäischen Stahlgeschäft liess dagegen trotz zuletzt wieder gestiegener Stahlpreise auf sich warten. Thyssenkrupp begründete dies am Donnerstag mit dem hohen Anteil an längerfristigen Verträgen. Die gestiegenen Stahlpreise würden sich erst im Jahresverlauf positiv bemerkbar machen.
09.02.2017 09:59

"Unsere Strategie ist richtig", erklärte Konzernchef Heinrich Hiesinger in Essen. "Wir bauen den Anteil der Industriegüter- und Dienstleistungsgeschäfte aus. Das ermöglicht uns, in Zukunft stabilere Ergebnisse zu erwirtschaften und profitabel zu wachsen." Der ehemalige Siemens-Manager ist seit seinem Amtsantritt vor sechs Jahren mit der Sanierung des Konzerns beschäftigt. Das vorherige Management hatte Thyssenkrupp mit dem viel zu teuer gewordenen Bau zweier Stahlwerke in den USA und Brasilien in eine Schieflage gebracht. Die Aktie pendelte in der ersten Handelsstunde um den Vortagsschluss.

OPERATIVES ERGEBNIS BESSER ALS ERWARTET

Im ersten Quartal konnte Thyssenkrupp den Umsatz um 6 Prozent auf 10,1 Milliarden Euro hochschrauben. Der operative Gewinn - das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern - stieg um 40 Prozent auf 329 Millionen Euro. Das war mehr als Analysten erwartet hatten. Allerdings blieb der Überschuss mit 8 Millionen Euro hinter den Erwartungen zurück. Thyssenkrupp verwies auf einen ungewöhnlich hohen Steueraufwand. Im Vorjahreszeitraum hatte der Konzern unterm Strich noch 23 Millionen Euro verloren. An der Prognose fürs Gesamtjahr hielt die Konzernführung fest.

Anleger achten derzeit aber ohnehin weniger auf die Finanzkennziffern, als vielmehr auf die strategischen Weichenstellungen: Die grosse Frage ist, ob die Fusion der europäischen Stahlgeschäfte von Thyssenkrupp und Tata Steel klappt. Hiesinger hatte auf der Hauptversammlung wegen des Preisdrucks und der bestehenden Überkapazitäten erneut für eine Fusion der europäischen Stahlsparte geworben, dabei aber um Geduld gebeten. Thyssenkrupp sei mit mehreren Parteien im Gespräch. Finanzvorstand Guido Kerkhoff sagte in einer Telefonkonferenz nach Bekanntgabe der Zahlen lediglich, dass es seit der Hauptversammlung keine Neuigkeiten in der Sache gibt.

EIGENKAPITAL UND SCHULDEN STEIGEN

Thyssenkrupp könnte einen grossen Wurf gut gebrauchen. Denn die Finanzlage ist trotz erzielter Fortschritte bei der Sanierung weiter angespannt: Die Nettoschulden stiegen binnen drei Monaten von 3,5 Milliarden auf 5,4 Milliarden Euro. Der Konzern begründete dies in erster Linie mit den stark gestiegenen Rohstoff- und Werkstoffpreisen. Kerhoff geht davon aus, dass sich die Lage in den kommenden Monaten wieder normalisiert und auch keine Kreditvereinbarung mit Banken in Gefahr ist. Das Eigenkapital verbesserte sich im gleichen Zeitraum von 2,6 Milliarden auf 3,3 Milliarden Euro. Hintergrund hier ist ein wieder gestiegenes Zinsniveau und damit einhergehend gesunkene Pensionsverpflichtungen.

Damit verschlechterte sich das Verhältnis der Schulden zum Eigenkapital auf 166 Prozent. Diese Marke ist für Thyssenkrupp wichtig, weil Banken beim Überschreiten einer bestimmten Schwelle zum Ende des Geschäftsjahres einige Kreditverträge kündigen können. Lag dieser Grenzwert früher bei 150 Prozent, so schwankt er heute zwischen 150 und 200 Prozent. Kerhoff geht davon aus, dass sich die Verschuldung in den kommenden Monaten wieder zurückgeht und keine Kreditvereinbarung mit Banken in Gefahr ist.

JAHRESPROGNOSE BESTÄTIGT

Grundsätzlich hat sich an der Lage Thyssenkrupps nach den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres wenig geändert: In dem bis Ende September laufenden Jahr soll der operative Gewinn weiterhin auf rund 1,7 Milliarden Euro steigen. Damit käme der Konzern dem mittelfristigen Ziel eines operativen Ergebnisses von mindestens 2 Milliarden Euro wieder näher. Im Vorjahr war der Gewinn noch auf knapp 1,5 Milliarden Euro gefallen. Auch der Überschuss soll sich im laufenden Jahr deutlich verbessern.

Von Analysten und Investoren wurden die Zahlen unterschiedlich interpretiert. Während die einen auf die operativen Fortschritte verwiesen, legten andere ihr Augenmerk auf die gestiegenen Schulden Nach einem über Monate anhaltenden Höhenflug der Aktie ist derzeit die Luft etwas raus. Ende Januar war der Kurs unter anderem wegen einer zuletzt leichten Erholung der Stahlpreise auf den höchsten Stand seit Mitte 2015 gestiegen und musste in den vergangenen Tagen wieder etwas Federn lassen. Nach einem Kursplus von knapp 80 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten ist die Aktie aber immer noch der stärkste Dax-Gewinner in diesem Zeitraum./das/zb/fbr

(AWP)