Türkei-Konflikt trifft Reisebranche - Folgen noch nicht abzusehen

(Ausführliche Fassung) - Die besorgten Hinweise der Bundesregierung für Türkei-Urlauber bringen neue Unsicherheit für die Touristikbranche. Sicherheitsbedenken und politische Grosswetterlagen beeinflussten das Urlaubsverhalten, sagte eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbandes DRV am Donnerstag. Wie sich das im Einzelfall konkret auswirke, sei derzeit aber nicht abzusehen. "Das werden die Buchungen in den nächsten Tagen und Wochen zeigen." Für die Gewährung kostenfreier Stornierungen oder Umbuchungen sehen Veranstalter bisher keinen Anlass.
20.07.2017 14:33

"Die Reisen für die Urlauber finden wie gebucht statt", stellte der DRV klar. Für Stornierungen und Umbuchungen gälten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Veranstalter. So habe das Auswärtige Amt keine Neubewertung der Sicherheitslage vorgenommen, so dass es auch keine Verschärfung der Reisehinweise und keine Reisewarnung für das Land gebe. Die grossen Reiseveranstalter Tui Deutschland und Thomas Cook (Neckermann Reisen, Öger Tours) schlossen sich der Beurteilung an.

ERHÖHTE VORSICHT EMPFOHLEN

Bundesaussenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte am Morgen Türkei-Reisende zu "erhöhter Vorsicht" aufgerufen. Ihnen werde "empfohlen, sich auch bei kurzzeitigen Aufenthalten in die Listen für Deutsche im Ausland bei Konsulaten und der Botschaft einzutragen". Grund dafür sei, dass "in einigen Fällen Deutsche von freiheitsentziehenden Massnahmen betroffen" gewesen seien, "deren Grund oder Dauer nicht nachvollziehbar war". Gabriel reagierte damit auf die Verhaftung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner und anderer Personen.

Das Auswärtige Amt veröffentlicht für die Bürger im Internet Reisehinweise für jedes Land, die regelmässig aktualisiert werden. Bei einer Reisewarnung hingegen geht es um eine konkrete Gefahr für Leib und Leben. Deutsche, die in dem betroffenen Land leben, werden dann gegebenenfalls zur Ausreise aufgefordert.

DRUCK AUF AKTIENKURSE

Am Finanzmarkt sorgten die Nachrichten dennoch für Druck auf die Aktienkurse der Veranstalter. Die Papiere von Thomas Cook lagen an der Londoner Börse am frühen Nachmittag mit 1,60 Prozent im Minus. Die Tui-Aktie schaffte es nach einem zwischenzeitlichen Verlust von 0,4 Prozent zuletzt wieder mit 0,33 Prozent ins Plus. Thomas Cook ist mit der Marke Öger Tours besonders stark im Türkei-Geschäft vertreten.

Nach Anschlägen mit Toten und dem gescheiterten Militärputsch im vergangenen Jahr schwächelt das Geschäft mit Türkei-Reisen. Zwar zogen die kurzfristigen Buchungen nach Angaben der GfK-Konsumforscher an. Insgesamt sei die Nachfrage nach Urlaub in dem Land am Bosporus in den Reisebüros aber schwach. Bis Ende Juni büssten Türkei-Urlaube den Angaben zufolge im Vergleich zur guten Sommersaison 2015 zwei Drittel ihres Umsatzes ein.

SCHON 2016 VIEL WENIGER URLAUBER

Die Reiseveranstalter hatten ihr Flug- und Hotelangebot für Türkei-Reisen bereits 2016 gekappt, um nicht auf Flugtickets und leeren Hotelzimmern sitzenzubleiben. Tui brachte im vergangenen Jahr rund eine Million Urlauber in das Land, wie Konzernchef Fritz Joussen berichtet hatte. Im Jahr 2015 waren es noch doppelt so viele gewesen.

Ferienflieger wie Tuifly und die zu Thomas Cook gehörende Condor richteten deshalb ihre Flugpläne neu aus, die Veranstalter sicherten sich Hotelzimmer in anderen Urlaubsländern. Profiteure waren etwa Spanien, Portugal und Griechenland. Dort registrierten die Reiseveranstalter kräftige Buchungszuwächse.

NOCH KEINE NEUEN PROGNOSEN

Neue Prognosen für das Türkei-Geschäft wagten die Reisekonzerne noch nicht. Massive Einbrüche würden aber nicht erwartet, sagte eine Sprecherin der Rewe-Reisesparte DER Touristik mit Marken wie ITS und Jahn Reisen. Tui-Chef Joussen hatte für seinen Konzern zuletzt erneut rund eine Million Türkei-Urlauber angepeilt. Dazu sollte auch beitragen, dass Tui auch wieder russische Urlauber in das Land bringt.

Die börsennotierten Veranstalter wollen sich in den nächsten Wochen zur jüngsten Geschäftsentwicklung äussern. Die Quartalszahlen von Thomas Cook stehen am 27. Juli, die von Tui am 10. August im Kalender. Dann stehen üblicherweise auch Aussagen zum laufenden Sommergeschäft an./stw/mar/ll/jha/stb

(AWP)