Turbulente Tage für Lloyds-Chef Horta-Osorio

London (awp/sda/reu) - Noch im vergangenen Jahr war Antonio Horta-Osorio der grosse Star in der britischen Bankenszene. Nach einer Enthüllung im Revolverblatt "The Sun" geht bei Anlegern nun aber die Angst um, der Chef der Grossbank Lloyds könnte den Bettel hinschmeissen.
14.08.2016 14:16

Das Boulevard-Blatt berichtete auf der Titelseite von einem Seitensprung des verheirateten 52-Jährigen, und dass dabei eine Hotelrechnung von umgerechnet 4430 Euro angefallen sei. Seither fürchten Investoren, dass der Chef schneller die Lust an seinem Job verlieren könnte als gedacht.

Lloyds stellte sich eilends hinter Horta-Osorio. Chairman Norman Blackwell habe die Vorwürfe überprüft - und festgestellt, dass Horta-Osorio seine privaten Ausgaben während einer Konferenz in Singapur auch privat bezahlt habe, betonte eine Bank-Sprecherin.

"Antonio hat als Vorstandschef das volle Vertrauen und den Rückhalt des Aufsichtsrats." Er sei voll auf die Bank und seine strategischen Ziele konzentriert. Horta-Osorio selbst sei für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch in einer internen Mitteilung wurde noch am gleichen Tag klargestellt, dass er nicht gegen Vorschriften verstossen habe.

Kein Plan B vorhanden

Investoren drängen aber darauf, dass sich Lloyds zumindest Gedanken macht, wer dem seit fünf Jahren amtierenden Bankchef folgen könnte. "Das ist ein Problem, wenn man bedenkt, dass die Aufgabe in den nächsten Jahren schwieriger wird als er dachte", mahnte einer der 20 grössten Lloyds-Eigentümer, der seinen Namen nicht nennen will. Doch auch ein interner Nachfolger sei nicht in Sicht, sagte ein weiterer Investor.

Ein anderer Anteilseigner hofft, dass Horta-Osorio trotz allem weitermacht: "Es ist extrem peinlich, wenn andere Leute so im eigenen Privatleben herumwühlen. Ich weiss nicht, ob das reicht, um ihn zu vergraulen."

Noch zu Jahresbeginn war Horta-Osorio der strahlende Held: Er hatte Lloyds in die schwarzen Zahlen geführt, er hatte die Dividendenzahlung wieder aufgenommen, und er hatte der Regierung in London dazu verholfen, einen grossen Teil ihrer Lloyds-Aktien aus der Finanzkrise wieder unter die Leute zu bringen.

Neue Herausforderungen

Doch in diesem Jahr folgten die Hiobsbotschaften. Horta-Osorio verschärfte den Sparkurs: 3000 weitere von 75'000 Arbeitsplätzen fallen weg, 200 weitere Filialen werden geschlossen. Dabei ist die Bank gerade erst mitten im vorher beschlossenen Abbau von 9000 Stellen und 100 Zweigstellen.

Dann kam das überraschende Votum der Briten zum Ausstieg aus der EU, das nicht nur ein Fragezeichen hinter Horta-Osorios ehrgeizige Gewinn- und Dividendenpläne setzt, sondern auch einen schnellen Verkauf der restlichen Staatsanteile torpediert, mit denen Lloyds auf Steuerzahler-Kosten gerettet worden war.

Und nun untersucht die britische Finanzaufsicht auch noch, wie die Bank mit Kunden umgegangen ist, die Probleme mit der Rückzahlung von Hypotheken haben. Das mache es schwer, einen Nachfolger für den Lloyds-Chef zu finden, unkt einer der grössten Aktionäre. "Ich glaube nicht, dass es zurzeit besonders reizvoll ist, eine britische Bank - oder irgendeine andere - zu führen."

(AWP)