VW-Chef: Lieferstreit hat Folgen

(Ausführliche Fassung)
30.08.2016 10:37

HAMBURG (awp international) - Nach dem Zulieferer-Streit mit empfindlichen Produktionseinbussen ringt VW-Chef Matthias Müller um die Rückkehr zur Normalität im Unternehmen - und muss parallel weiter mit den Dauer-Reizthemen Konzernumbau, Sparkurs und Diesel-Affäre jonglieren.

Der Konflikt mit zwei langjährigen Zulieferern der Prevent-Gruppe habe zuletzt einen hohen Druck erzeugt, sagte der Manager am Montagabend im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Dort lenkte er den Blick auf die vielen Baustellen bei Europas grösstem Autobauer.

KONSEQUENZEN FÜR KONZERNEINKAUF

Auch nach der Beilegung vor einer Woche dürfte der Prevent-Streit laut Müller Konsequenzen für die Einkaufspraxis von VW haben. Zwar gebe es keinen Anlass, nun für alle möglichen Teile eine Mehr-Quellen-Strategie zu prüfen. "Aber wir werden uns genau unsere Einkaufsverträge anschauen und sehen, wie wir das optimieren." Ein Lieferstopp der Prevent-Firmen ES Automobilguss (Getriebeteile) und Car Trim (Sitzbezüge) wegen angeblich grundlos stornierter Verträge durch Volkswagen hatte in der vergangenen Woche empfindliche Ausfälle in der Fertigung zur Folge, vor allem beim Golf und Passat.

Der Boykott in der Beschaffung hatte den grundlegenden Umbau des Konzerns und sogar die Aufarbeitung der Diesel-Affäre für einige Tage fast vollständig überdeckt. Nun widme er sich verstärkt wieder diesen Themen, sagte Müller. In Hamburg setzt der Konzern Projekte mit der Hansestadt zu intelligentem Verkehr und umweltfreundlicher Mobilität auf. Diese sollen die Keimzelle für weitere Vorhaben werden.

KEINE EIGENE FERTIGUNG VON BATTERIEN

Beim Ausbau seiner Geschäfte rund um die E-Mobilität wird VW Müller zufolge keine eigene Zellfertigung anschieben. "Das wäre ein Witz", sagte er mit Blick auf die Kosten. Man sehe sich aber die gesamte Prozesskette an - von der Rohstoffbeschaffung über die Fertigung der ganzen Batterie bis zum Einbau ins Auto. "Dann werden wir - wohl noch in diesem Jahr - bekanntgeben, wie wir mit diesem Thema umgehen." VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte der Deutschen Presse-Agentur kürzlich gesagt, er sehe keine zwingende Notwendigkeit für eine eigene Zellfertigung - für eine eigene Batteriefabrik aber sehr wohl.

Die hohen Kosten für E-Autos gelten neben der geringen Reichweite und dünnen Ladeinfrastruktur als grösster Hemmschuh für einen Durchbruch der Technik in Deutschland. Daimler zog sich Ende 2015 aus der Zellfertigung im sächsischen Kamenz zurück. Der US-Elektroautopionier Tesla plant derweil zusammen mit Panasonic riesige Fabriken. VW erwägt den Bau eines Werks für Elektroautos und -antriebe insgesamt.

Ausserdem kämen Konzepte zum autonomen Fahren voran, meinte der VW-Konzernchef. "Dieser Hype wird sich relativieren." Noch sei viel an Entwicklungsarbeit zu leisten, und der Fall eines verunglückten Teslas mit Assistenzsystem in den USA zeige, dass es Gefahren gebe. "Aber wir werden uns da öffnen", sagte Müller. Der neue Digitalchef Johann Jungwirth sei "einer, der das ganze Unternehmen umkrempelt".

DEUTSCHE POST ÄRGERT VW-CHEF

Darüber, dass die Deutsche Post einen Elektro-Scooter vorstellte, ärgere er sich, räumte Müller ein. Er hoffe, dass VW doch noch "etwas mit der Post machen" könne. "Mir wäre es recht. (...) Das richtig automatisierte Fahren wird wohl zuerst bei Nutzfahrzeugen kommen."

Die schwierigen Verhandlungen über einen "Zukunftspakt" bei VW mit Einsparungen und einem drohenden Jobabbau - nicht nur, aber auch eine Folge des Diesel-Skandals - kommen aus Sicht Müllers bald auf die Zielgerade: "Das Ergebnis wird in zwei bis drei Monaten vorliegen." Direkte Arbeitsplatz-Verluste schloss er erneut aus: "Wir werden niemanden rausschmeissen oder betriebsbedingt kündigen." Die Zusammensetzung der VW-Belegschaft müsse sich jedoch wandeln.

HOHER SPARDRUCK

Osterloh hatte jüngst eine ähnliche Ausrichtung erläutert: VW müsse mehr für die Talentsuche auch in den eigenen Reihen tun. Beim "Zukunftspakt", den die Mitarbeitervertretung im Frühjahr eingefordert hatte, geht es um die Folgen des Umbaus von Europas grösstem Autobauer. Der Spardruck ist nicht zuletzt wegen der Finanzlast der Abgaskrise hoch. "Zur Grössenordnung kann ich noch nichts sagen", sagte Müller mit Blick auf mögliche Kürzungen.

Zur Aufarbeitung der Affäre um Millionen manipulierte Dieselmotoren wollte sich Müller nicht äussern. Kritik an der Rolle des US-Chefunterhändlers Francisco Garcia Sanz - auch VW-Einkaufsvorstand - konnte er nicht nachvollziehen: "Ich bin der festen Überzeugung, dass er der Richtige ist." Auf das Warum der Affäre habe er noch heute keine Antwort, sagte Müller. VW liefere alle nötigen Informationen - die Bekanntgabe von Ergebnissen sei Sache der Ermittler./jap/DP/das

(AWP)