Weniger Investmentbanker, aber mehr Gewinn an der Wall Street

Für die Tausenden von Händlern und Verkäufern, die seit der Finanzkrise ihre Jobs verloren haben, hat die Wall Street eine Botschaft: Uns geht es auch ohne euch gut.
29.10.2016 14:20
Wegweiser zur US-Börse in New York.
Wegweiser zur US-Börse in New York.
Bild: Pixabay

Die fünf grössten US-Investmentbanken haben im dritten Quartal mit dem Handel von Bonds und Aktien 20,7 Milliarden Dollar verdient. Das ist die höchste Summe in einer üblicherweise schwachen Sommerzeit seit 2009. Und der Zuwachs wurde erzielt, nachdem die zehn grössten Firmen, darunter europäische Banken, die noch keine Quartalsergebnisse vorgelegt haben, in den letzten sieben Jahren mehr als 5000 Front-Office-Jobs im Handel und im Investmentbanking gestrichen haben, wie aus Daten des Londoner Wirtschaftsdatendienstes Coalition hervorgeht.

Die Investmentbanken haben Mitarbeiter entlassen, da neue Regulierungen und niedrige Zinsen am Gewinn zehren und die weitverbreitete Einführung des elektronischen Handels einige Jobs überflüssig macht. Alarmiert nach einem besonders schwachen dritten Quartal im Vorjahr hat Morgan Stanley 470 Stellen oder ein Viertel der Positionen im Bereich Fixed-Income gestrichen.

Das Ergebnis? Im dritten Quartal dieses Jahres hat sich der Ertrag im Bond-Handel fast verdreifacht auf 1,5 Milliarden Dollar, wie die Bank am vergangenen Mittwoch berichtete. "Wir hatten ein besseres Quartal", sagte Banken-Chef James Gorman gegenüber Analysten. "Was mich dabei erfreut ist, dass wir das mit 25 Prozent weniger Leuten geschafft haben."

Erwartungen übertroffen

Die fünf Banken - J.P. Morgan Chase, Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs und Morgan Stanley - legten zusammen im Quartal einen Anstieg bei den Handelserträgen von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum vor, wie Bloomberg Intelligence ausgerechnet hat.

Jede der Banken übertraf die Erwartungen der Analysten für den Bond-Handel, der durch das überraschende Votum der Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union, divergierende Ansichten über die Richtung von Zentralbankzinsen und Änderungen bei der Geldmarkt-Regulierung angekurbelt wurde. J.P. Morgan hielt den Spitzenplatz im Bereich Festverzinsliche mit einem Ertrag von 4,3 Milliarden Dollar, während Morgan Stanley Nummer eins bei Aktien blieb und 1,9 Milliarden Dollar einstrich.

Bei Goldman Sachs, der Wall-Street-Bank, die am stärksten vom Handel abhängig ist, stieg der Nettogewinn um 47 Prozent, bei Morgan Stanley um 57 Prozent. Auch J.P. Morgan, Bank of America und Citigroup verdienten im Investmentbankengeschäft mehr.

Zuviel Personal

Goldman Sachs hat in diesem Jahr rund zehn Prozent der Jobs im Bereich Fixed-Income gestrichen - das doppelte der üblichen Quote. Rund 250 Menschen waren betroffen, wie das Wall Street Journal im Januar meldete. Demnach hatte die Bank zu Beginn des Jahres rund 2500 Mitarbeiter in dem Bereich. Der verschlankte Bereich steigerte den Ertrag im dritten Quartal um 49 Prozent auf 1,96 Milliarden Dollar.

"Wir hatten an der Wall Street eine ganze Zeitlang einen Personalüberschuss im Verhältnis zum getätigten Geschäft", sagte Charles Peabody, Analyst bei Compass Point Research and Trading in New York. Banken "meinen es ernst mit der Kostendisziplin und dem Potenzial für eine positive operative Leverage, sobald diese Märkte wieder auf eine tragfähige Basis zurückkehren."

Deutsche-Bank-Probleme haben Einfluss

Ein Teil der Gewinne könnte auf die Probleme der Deutsche Bank zurückzuführen sein, meint John Gerspach, Finanzchef von Citigroup. Die Bank aus Frankfurt hatte erklärt, sie verliere Geschäfte, während sie damit beschäftigt ist, Vertrauen wiederzugewinnen und steigende Rechtskosten zu bewältigen. In der vergangenen Woche war verlautet, dass die Bank im Zuge ihrer Umstrukturierung möglicherweise ihre US-Präsenz verringert.

Die noch offene Frage ist, ob die jüngsten Gewinne die lange erwartete Erholung im Fixed-Income-Geschäft signalisieren.

"Ein Quartal setzt noch keinen Trend, und wir sind sehr zufrieden mit der Entscheidung", die wir im letzten Jahr getroffen haben, nämlich Händler zu entlassen, sagte der Finanzchef von Morgan Stanley Jonathan Pruzan in einem Interview mit Bloomberg vergangene Woche. "Wir ändern unsere Strategie nicht."

(Bloomberg)