Zusammenrücken in der Stahlkrise: Tata und Thyssenkrupp im Gespräch

(Meldung vom Vortag mit weiteren Angaben ergänzt)
10.07.2016 15:14

Mumbai/Essen (awp/sda/dpa/reu) - Lange gab es Gerüchte um eine Annäherung zwischen den Stahlkonzernen Tata und Thyssenkrupp. Nun haben beide die am Anfang stehenden Gespräche bestätigt. Die Belegschaft steht dem kritisch gegenüber.

Wegen der angespannten Lage in der Stahlbranche führt Thyssenkrupp Gespräche mit dem indischen Mischkonzern Tata. Beide Unternehmen bestätigten die seit Wochen kursierenden Gerüchte hierzu.

"Die gesamte Stahlindustrie in Europa kämpft darum, in einer wirtschaftlich schwierigen Situation zukunftsfähig zu bleiben", hiess es in einer Stellungnahme von Thyssenkrupp am Samstag.

"Wir haben auch immer gesagt, dass in einer solchen Situation jeder mit jedem spricht - unter anderem sprechen wir auch mit Tata Steel." Ob, wann und mit wem es zu einer Zusammenarbeit kommen werde, sei aber offen.

Am Freitagabend hatte Tata mitgeteilt, es solle ergründet werden, ob ein Gemeinschaftsunternehmen für das Stahlgeschäft in Europa eine sinnvolle Möglichkeit sei. Die Gespräche seien noch in einem frühen Stadium. Es gebe keine Garantie dafür, dass daraus auch etwas werde.

Nicht einziger Kandidat

Für die Inder ist Thyssenkrupp nicht der einzige Kandidat, mit dem sie verhandeln. Über eine Konsolidierung in der europäischen Stahlbranche wird angesichts des Drucks durch weltweit niedrige Stahlpreise schon seit längerer Zeit spekuliert. Immer wieder war dabei auch von einer Kombination von Thyssenkrupp und Tata die Rede.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters von Insidern erfahren hat, planen Thyssenkrupp und Tata bei einer Fusion nur wettbewerbsfähige Stahlstandorte in Europa zu betreiben - zu denen gehören die älteren britischen Werke nicht. In Branchenkreisen hatte es geheissen, Thyssenkrupp und Tata strebten einen Zusammenschluss ihrer Werke in Deutschland und den Niederlanden an. Dazu müsse aber eine Lösung für die britischen Werke Tatas gefunden werden.

Den Insidern zufolge werden die Gespräche der beiden Stahlriesen durch die britische Brexit-Entscheidung belastet. Das Votum für einen Austritt der Briten aus der EU mache die Verhandlungen nicht einfacher, hiess es. Denn die Konzerne bräuchten für die geplante Zusammenarbeit die Unterstützung der britischen Regierung.

Der scheidende Premierminister David Cameron hatte diese bei der Suche nach einem Käufer für Aktivitäten von Tata in Grossbritannien zugesagt. Tata teilte nun mit, für die britischen Werke gebe es sieben Interessenten. Tata will sich, wie bereits früher mitgeteilt wurde, von seiner kompletten Grossbritannien-Sparte mit 15'000 Beschäftigten trennen.

Angestellte kritisch

Aus Sorge um die Arbeitsplätze hält der Gesamtbetriebsrat von Thyssenkrupp Steel Europe wenig von den Konsolidierungsgesprächen. "Warum sollte man sich als einer der Besten in Europa mit jemand Schwächerem zusammentun? Ich sehe da keinen wirtschaftlichen Nutzen", sagte dessen Vorsitzender Günter Back der Nachrichtenagentur dpa.

Grösse allein sei kein Indiz für Unternehmenserfolg. Wichtiger sei eine politische Lösung der Frage, wie das europäische Stahlgeschäft überlebensfähig gemacht werden könne. Bei Fusionen dagegen zahle die Belegschaft stets mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, meinte Back.

Tata hatte im März angekündigt, sein Stahlgeschäft in Grossbritannien verkaufen zu wollen. Durch das Brexit-Votum war die Unsicherheit über die Zukunft der britischen Stahlwerke aber deutlich gestiegen.

(AWP)