Abwärtsspirale am Anleihemarkt: Deutsche Renditen fallen auf Rekordtiefs

FRANKFURT (awp international) - Am deutschen Anleihemarkt werden immer neue Zinstiefs erreicht. Nachdem die durchschnittliche Rendite für deutsche Wertpapiere - die Umlaufrendite - bereits am Montag erstmals negativ gewesen ist, fiel sie am Mittwoch auf einen neuen historischen Tiefstand. Die am Markt besonders beachtete Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit sank ebenfalls auf einen bisher unerreichten Tiefstand. Experten sprechen bereits von einer Abwärtsspirale.
08.06.2016 13:00

Die Umlaufrendite, die die Bundesbank anhand von in Umlauf befindlichen deutschen Staatsanleihen errechnet, fiel am Mittwoch auf minus 0,05 Prozent. So tief hatte der Durchschnittszins noch nie gelegen. Der Effektivzins der zehnjährigen Bundesanleihen blieb zwar noch positiv, sank aber mit 0,033 Prozent ebenfalls auf ein Rekordtief. Bundesschuldtitel rentierten bis in den neunjährigen Laufzeitbereich hinein negativ. Das bedeutet, dass Anleger beim Kauf dieser Papiere draufzahlen. Der Zehnjahreszins in Deutschland war allerdings noch nie negativ gewesen. In der Schweiz, die als besonders stabile Volkswirtschaft und sicherer Anlagehafen gilt, ist dies seit längerem der Fall.

GELDPOLITIK DRÜCKT ZINSEN

Fachleute nennen im Wesentlichen zwei Gründe für den neuerlichen Zinseinbruch. Zum einen verweisen sie auf die zuletzt deutlich verringerten Zinserwartungen an die amerikanische Notenbank Fed. Nach sehr schwachen Arbeitsmarktdaten hatte sich Fed-Chefin Janet Yellen zu Anfang der Woche zurückhaltend zum geldpolitischen Kurs geäussert. An den Finanzmärkten wird deswegen zunehmend in Zweifel gezogen, dass die Fed ihre Ende 2015 begonnene Zinswende bald fortsetzen wird.

Zum anderen verweisen Experten auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese bleibt nicht nur auf absehbare Zeit extrem locker. Auch sorgen die hohen Käufe von Staatsanleihen für zunehmenden Zinsdruck. Hoffnungen, dass die an diesem Mittwoch gestarteten Käufe von Unternehmensanleihen den Rentenmarkt entlasten könnten, haben sich damit zunächst zerschlagen. Anleihefachleute der Commerzbank sprechen vielmehr von einer "sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale" am Staatsanleihemarkt.

EZB-ZINSGRENZE VERSTÄRKT DRUCK

Ein wichtiger Grund für diesen Abwärtsstrudel liegt bei der EZB selbst: Die Notenbank hat sich auferlegt, keine Staatspapiere zu kaufen, deren Rendite unterhalb ihres Einlagensatzes von minus 0,4 Prozent liegt. Experten gehen davon aus, dass sie mit dieser Regel vermeiden will, Verluste mit ihren Anleihekäufen einzufahren. Weil aber immer mehr Bundeswertpapiere unterhalb der selbstgesetzten Zinsgrenze rentieren, verringert sich auch der Umfang der kaufbaren Staatstitel. Dies zwingt die EZB, sich auf längere Laufzeiten zu konzentrieren, was die Renditen um so stärker drückt./bgf/jsl/jha/

(AWP)