Briten waren vor Brexit Stütze hiesiger notleidender Hoteliers

Neuenburg (awp/sda) - In Schweizer Hotels haben in den ersten Monaten dieses Jahres weniger Gäste übernachtet als vor einem Jahr. Vor allem deutsche, chinesische und russische Touristen blieben aus. Teilweise wettgemacht haben dies Schweizer und Briten. Doch letztere dürften nach dem Brexit-Ja vermehrt fernbleiben.
05.07.2016 16:00

Denn der Brexit-Entscheid hat das Pfund auf Talfahrt geschickt. Briten können sich im Ausland also weniger leisten. Dies gilt vor allem für die Schweiz mit ihrem starken Franken. Die Briten, die die Schweiz vor rund 150 Jahren überhaupt erst zur Tourismusdestination machten und noch heute die zweitwichtigste ausländische Gästegruppe sind, dürften folglich vermehrt ausbleiben.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres bis Ende Mai hatten die Briten noch für rund 710'000 Hotelübernachtungen gesorgt. Das sind 30'000 mehr als in der Vorjahresperiode. Dies geht aus der am Dienstag veröffentlichten neuesten Ausgabe der Beherbergungsstatistik des Bundesamtes für Statistik (BFS) hervor.

Gleichzeitig stiegen jedoch weniger Gäste anderer wichtiger Länder in der Schweiz ab. Besonders schmerzhaft ist der deutliche Rückgang bei den Deutschen, der mit Abstand wichtigsten ausländischen Gästegruppe in der Schweiz. Die Zahl der Übernachtungen von Deutschen in Schweizer Hotels ging um über 110'000 zurück.

Dazu kommt ein Minus von rund 50'000 Übernachtungen bei den chinesischen und rund 30'000 bei den russischen Gästen. Auch Niederländer, Belgier, Franzosen und Italiener - allesamt wichtige Gästesegmente - übernachteten seltener in Schweizer Hotels. Insgesamt generierten ausländische Gäste zwischen Januar und Mai 7,3 Millionen Logiernächte in der Schweiz. Über alles betrachtet waren das 174'000 weniger als in der Vorjahresperiode.

MEHR SCHWEIZER GÄSTE

Dies konnten die Schweizer Gäste nicht wettmachen - obwohl sie vermehrt in der Schweiz Ferien machten. Zwischen Januar und Juni schliefen inländische Gäste 6,5 Millionen Mal in Schweizer Hotels. Das entspricht einer Zunahme um 80'000 Logiernächte gegenüber der Vorjahresperiode. Wegen des gleichzeitig starken Rückgangs bei den ausländischen Gästen sank die Zahl aller Übernachtungen in Schweizer Hotels dennoch um 94'000 auf noch 13,7 Millionen.

Nach Destinationen betrachtet, zeigt sich dabei das bekannte Bild: Die Bergregionen verlieren, die Städte gewinnen. Den deutlichsten Rückgang an Logiernächten hatten die Bündner Hotels zu verzeichnen, gefolgt von jenen im Wallis und im Berner Oberland. Am stärksten zulegen konnte das waadtländische Genferseegebiet.

TERROR-ANGST

Dass die Schweizer vermehrt im Inland Ferien machen, dürfte auch an den jüngsten Terroranschlägen an Tourismusdestinationen liegen: Dem Anschlag auf ein Strandhotel in Tunesien im letzten Jahr, den Attentaten in Paris im November, den Anschlägen am Brüsseler Flughafen im März, den Flugzeugabstürzen in Ägypten und dem Anschlag auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul vergangene Woche.

Diese Anschläge hätten zu einer "grossen Verunsicherung" geführt, heisst es in einer Mitteilung des Schweizer Reise-Verbands (SRV) vom Dienstag. Die Folge sei, dass die Buchungsstände für die Sommerferien bei den grossen Schweizer Reiseveranstaltern auf einem bescheidenen Niveau seien.

Die Schweizer reisen weniger in die kürzlich von Anschlägen betroffenen Länder Tunesien, Ägypten und die Türkei. Viele zieht es stattdessen nach Spanien, Italien, Portugal, Kroatien oder Zypern.

Oder sie bleiben in der Schweiz: Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV), schätzt, dass die Zahl der Schweizer, die in diesem Sommer eine Auslandsreise in Betracht ziehen, um zwanzig Prozent gesunken ist.

Die Buchungsrückgänge bei den Reisebüros sind allerdings geringer. Laut Kunz liegen sie im einstelligen Bereich. Der Grund sei, dass manche Reisende wegen der geopolitisch unsicheren Lage wieder im Reisebüro statt auf eigene Faust buchten.

(AWP)