Britische Wirtschaft zeigt Schwäche: Ende der Brexit-Gelassenheit?

(Ausführliche Fassung) - Allen Kassandrarufen von Ökonomen zum Trotz zeigte sich die britische Wirtschaft vom Brexit-Votum bislang recht unbeeindruckt. Doch inzwischen mehren sich Schwächesignale. Die britischen Industriebetriebe mussten im Februar den zweiten Monat in Folge ihre Fertigung drosseln, wie das Statistikamt ONS am Freitag mitteilte. Auch am Bau ging die Produktion zur Überraschung von Experten zurück, und die Hauspreise stiegen zuletzt nicht einmal halb so stark wie noch kurz vor dem Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU). Experten rechnen mit einem abgebremsten Wirtschaftswachstum im ersten Quartal.
07.04.2017 12:54

Die Gesamtproduktion der britischen Industrie lag laut ONS im Februar 0,7 Prozent unter dem Niveau vom Januar. Dabei hatten Analysten im Mittel einen Zuwachs erwartet. Bereits im Januar war die Produktion um 0,3 Prozent gesunken. Die enger gefasste Herstellung im verarbeitenden Gewerbe - in etwa vergleichbar mit der deutschen Industrieproduktion - fiel im Februar im Monatsvergleich um 0,1 Prozent.

Zwar sei der deutliche Produktionsrückgang im Februar wesentlich durch eine schwächelnde Energieproduktion aufgrund ungewöhnlich warmen Wetters zurückzuführen, schreibt Samuel Tombs, Experte beim Analysehaus Pantheon Macroeconomics. Ausserdem habe der schwankungsanfällige Pharmaziesektor belastet. Im März hatte sich aber auch die Stimmung in der britischen Industrie überraschend verschlechtert, sodass auch weiterhin mit einer enttäuschenden Produktion zu rechnen sei.

Auch im Bausektor sieht es nicht gut aus. Hier ging nach Zahlen vom Freitag die Produktion im Februar gegenüber Januar saisonbereinigt um 1,7 Prozent zurück. Ausserdem sind die Hauspreise laut der Bank Halifax in den Monaten Januar bis März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 3,8 Prozent so schwach gestiegen wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Der Anstieg ist nicht einmal halb so gross wie noch in den Monaten vor dem Brexit. Vor einem Jahr war noch ein Preiszuwachs von 10 Prozent verzeichnet worden.

Schwächesignale gibt es auch vom Aussenhandel. Das Handelsbilanzdefizit lag im Februar bei 3,7 Milliarden Pfund (4,3 Milliarden Euro) nach 3,0 Milliarden Pfund im Januar. Diese Zahl sei allerdings nur bedingt aussagekräftig, schreibt Ruth Gregory, Expertin beim Analysehaus Capital Economics. Sehe man sich den längerfristigen Trend an, zeichne sich ein besseres Bild ab.

Mit einiger zeitlicher Verzögerung dürfte laut der Expertin zudem die britische Exportwirtschaft noch von dem geschwächten britischen Pfund profitieren. Im Anschluss an das Brexit-Votum hatte die Währung etwa ein Fünftel ihres Wertes verloren. Eine deutliche Erholung gab es seither nicht. Eine schwache heimische Währung kann der Exportwirtschaft nützen, weil deren Produkte aus Sicht des Auslands billiger und damit erschwinglicher werden.

Die Daten vom Freitag seien dennoch insgesamt "ziemlich enttäuschend", so Gregorys Fazit. Sei seien ein Hinweis darauf, dass die britische Wirtschaft im ersten Quartal an Schwung verloren habe. Am 28. April wird das britische Statistikamt seine erste Schätzung hierzu veröffentlichen./tos/bgf/fbr

(AWP)