Der Alptraum geht weiter - Schon wieder schweres Beben in Italien

Norcia/Rom (awp/sda/dpa) - Wieder versetzt ein Erdbeben die Menschen in Mittelitalien in Schrecken, nimmt vielen ihre Existenzen. Wieder ist von Desaster und Hölle die Rede.
30.10.2016 12:31

An Erdbeben gewöhnt man sich nie. Auch nicht in einer Region, die es wieder und wieder trifft: Erneut hat in Mittelitalien die Erde gebebt. Nicht einmal eine Woche sind die letzten Erdstösse in der bergigen Region südlich von Perugia her, da werden die Bewohner am Sonntagmorgen erneut zu Tode erschreckt.

Es ist eines der stärksten, wenn nicht sogar das stärkste Beben in Italien seit Jahrzehnten. Von 6,5 oder gar 6,6 sprechen die Experten.

Das Zentrum liegt erneut nur etwas weiter nördlich der Gegend, die bei dem verheerenden Beben am 24. August verwüstet wurde. Im Sommer starben dort fast 300 Menschen, die meisten von ihnen in dem Ort Amatrice.

MENSCHEN IN PANIK

"Die Menschen sind in Panik", hört man den Bürgermeister Sergio Pirozzi am Sonntagvormittag im Radio sagen. "Wir versuchen, die Menschen zu beruhigen." In Amatrice hat der schwere Erdstoss nun den Kirchturm zum Einsturz gebracht, der zum Mahnmal der Naturkatastrophe wurde.

Dem italienischen Zivilschutz sind zunächst keine Berichte über Todesopfer bekanntgeworden, es gebe aber Dutzende Verletzte. Dass viele Häuser schon bei dem Beben im Sommer oder vergangene Woche zerstört wurden, dürfte für viele Menschen in der Region nun ein trauriger Vorteil sein: Sie erleben das Beben in Turnhallen oder anderen Notunterkünften oder im Auto - und kommen so mit dem Leben davon. Schon zuvor waren Tausende Menschen obdachlos, haben alles verloren.

Dieses Mal heissen die Orte Norcia, Preci, Castelsantangelo und Visso, in denen von schweren Schäden die Rede ist. Die betroffenen Orte sind kleine Dörfer und Gemeinden in schönster Natur inmitten der Berge.

Eine Region, die auch bei Touristen bekannt ist. Viele der Orte haben einen historischen Kern - und entsprechend alte, erdbebenunsichere Häuser. Doch die Menschen bleiben trotz der Gefahr, sie sind tief verwurzelt in der Region.

"DIE ERDE HAT SICH GEÖFFNET"

"Wir wissen gar nicht, wie wir weitermachen sollen", sagt ein Betroffener dem Radiosender Rai. "Es ist eine dramatische Situation", berichtet ein anderer. "Die Erde hat sich geöffnet", wird der Bürgermeister der Stadt Castelsantangelo sul Nera, Mauro Falcucci, von der Zeitung "La Repubblica" zitiert.

In Norcia versammeln sich am Morgen viele Menschen auf der berühmten Piazza San Benedetto. Sie blicken auf das Wahrzeichen ihres Ortes, die Basilika San Benedetto aus dem 14. Jahrhundert. Oder besser auf das, was von der Kirche noch übrig ist.

Es stehen nur noch Teile der Fassade, der Turm ist eingestürzt. Auch die Kathedrale Santa Maria Argentea ist schwer beschädigt.

Auch Ussita hat es wieder getroffen. "Es ist alles eingestürzt", sagt Bürgermeister Marco Rinaldi der Nachrichtenagentur ANSA. In dem Ort hatten bereits die Beben von vergangenem Mittwoch starke Schäden angerichtet. "Ich sehe eine Rauchsäule, es ist ein Desaster, ein Desaster! Ich habe im Auto geschlafen und die Hölle gesehen."

Die Bürgermeister rufen nach Hilfe, die Menschen seien verzweifelt, erschöpft, müde. Am Samstag hatten Medien noch berichtet, einige Menschen seien wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Doch nun geht der Schrecken weiter.

WEITERE BEBEN WAHRSCHEINLICH

Schon nach dem Beben im August gab es die Befürchtung, dass weitere starke Erdstösse folgen könnten. Die Experten behielten Recht - und machen keine Hoffnung auf Besserung.

Der Nationale Forschungsrat CNR sagt ANSA: Weitere schwere Erdstösse sind nicht auszuschliessen. Die Nachbeben des Erdstosses im Sommer könnten sich über viele Monate hinziehen, hatte Torsten Dahm vom Geoforschungszentrum in Potsdam nach dem Beben vom Mittwoch gesagt.

Selbst im fernen Rom ist der Erdstoss deutlich und lange zu spüren, Fensterläden, Regale, Tische wackeln, Geschirr scheppert in den Schränken. Die zwei wichtigsten Metrolinien werden zwischenzeitlich gestoppt, um die Technik auf Schäden zu untersuchen. Zahlreiche Notrufe werden gemeldet.

Auch zwei römische Basiliken werden geschlossen, wie Radio Vatikan berichtet. Die Sicherheitsdienste des Vatikans hätten auch den Petersdom untersucht und keine Schäden entdeckt.

(AWP)