EZB-Chef Draghi gibt sich zuversichtlich und vorsichtig zugleich

(Ausführliche Fassung) - Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat zur Eröffnung der alljährlichen Notenbankkonferenz im portugiesischen Sintra sowohl Optimismus als auch Vorsicht verbreitet. Einerseits zeigte sich Draghi am Dienstag zuversichtlich, dass die konjunkturelle Erholung an Breite gewinne und die Notenbank ihr Inflationsziel wieder erreiche. Andererseits gab Draghi jedoch kein Signal für eine absehbar weniger lockere Geldpolitik.
27.06.2017 12:01

Breiten Raum gab der EZB-Chef der Frage, warum im Euroraum zwar das Wachstum anziehe, die Inflation aber nach wie vor hinterherhinke. Draghi lieferte mehrere denkbare Erklärungen dafür, unter anderem die niedrigen Rohöl- und Rohstoffpreise, Entwicklungen auf den Arbeits- und Produktmärkten Europas oder Auswirkungen der Niedriginflation auf den Lohnfindungsprozess. Unter dem Strich kam Draghi aber zu dem Schluss, dass die Teuerung durch zumeist temporäre Faktoren gedämpft werde und deshalb früher oder später anziehen sollte.

EURO LEGT DEUTLICH ZU

Der Euro reagierte auf die Äusserungen Draghis mit Kursgewinnen. Gegenüber dem amerikanischen Dollar legte er um gut einen halben Cent auf 1,1260 Dollar zu. Aus dem Handel wurde dies mit den Aussagen Draghis zur Inflation begründet, die früher oder später für eine weniger lockere Geldpolitik sprächen. Zudem äusserte sich Draghi zuversichtlich zur konjunkturellen Lage im Euroraum. Vieles deute auf eine stärkere und breitere wirtschaftliche Erholung des Euroraums hin, sagte der EZB-Chef. Grundsätzlich befinde sich der Währungsraum in einer besseren Ausgangssituation als noch wenigen Jahren. "Unter diesen Bedingungen können wir sicherer sein, unser Inflationsziel zu erreichen, als wir es noch vor ein paar Jahren waren."

Den Startschuss zur geldpolitischen Wende gab Draghi aber trotz aller Zuversicht nicht. So gebe es in der Wirtschaft, vor allem aufgrund der immer noch hohen Arbeitslosigkeit, noch viel Leerlauf. Zudem sei der Inflationsanstieg nach wir vor nicht nachhaltig und selbsttragend. "Wir brauchen Ausdauer in unserer Geldpolitik", erklärte Draghi. Mit der wirtschaftlichen Erholung könne die EZB ihre Geldpolitik zwar "anpassen" - nicht jedoch, um ihre geldpolitische Haltung zu straffen, sondern um sie im Verhältnis zum anziehenden Wachstum in etwa konstant zu halten. Zahlreiche globale Unwägbarkeiten sprächen zudem für grosse Vorsicht bei dieser "Anpassung"./bgf/jsl/fbr

(AWP)