EZB wird wohl mit ruhiger Hand auf Brexit-Votum reagieren

FRANKFURT (awp international) - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird trotz des jüngsten Brexit-Votums an diesem Donnerstag (21. Juli) nach Einschätzung von Volkswirten erst einmal die Füsse still halten. Die langfristigen Auswirkungen des sich anbahnenden Austritts von Grossbritannien aus der EU sind derzeit noch nicht absehbar. Zudem sind einige der im März beschlossenen Massnahmen im Kampf gegen die niedrige Inflation erst vor kurzem in Kraft getreten. Im Mittelpunkt der Sitzung wird voraussichtlich die mögliche Lockerung der selbstgesetzten Regeln für das milliardenschwere Anleihekaufprogramm stehen.
18.07.2016 20:02

An den Finanzmärkten ist nach dem Brexit-Votum keine Panik ausgebrochen. Dies dürfte auch in der EZB mit Erleichterung aufgenommen worden sein. Auch die von der Brexit-Entscheidung besonders betroffene Bank of England hat am vergangenen Donnerstag zunächst noch abgewartet. Nach Einschätzung der Experten der Postbank gibt es daher für die EZB erst recht keinen Grund, ihre Geldpolitik zu lockern.

An den Finanzmärkten sind die Inflationserwartungen weiter zurückgegangen. Allerdings wird die Notenbank an diesem Donnerstag noch keine neuen Prognosen vorlegen. "Vor allem deshalb erwarten wir, dass die EZB erst im September wieder Taten folgen lässt, denn dann stehen auch neue Prognosen der Notenbankvolkswirte als Entscheidungsgrundlage bereit", kommentierten die Ökonomen von HSBC Trinkaus. "Am Donnerstag dürfte entsprechend die Politik der ruhigen Hand dominieren." Der Leitzins beträgt Null Prozent. Der derzeit besonders wichtige Einlagensatz liegt bei minus 0,4 Prozent. Zu diesem Satz können Banken bei der EZB Geld parken. Sie müssen also eine Art Gebühr entrichten.

Ein Problem für ihr milliardenschweres Anleihekaufprogramm bereitet der EZB die niedrigen Renditen insbesondere von deutschen Staatsanleihen. Die Renditen vieler dieser Titel sind nach dem Brexit-Votum unter den Einlagensatz von minus 0,4 Prozent gefallen. Nach den eigenen Regeln dürfte die Notenbank diese Papiere dann nicht mehr erwerben. Damit könnte die EZB auf etwas längere Sicht Probleme bekommen, genügend deutsche Anleihen kaufen zu können, fürchtet Volkswirt Michael Schubert bei der Commerzbank. Daher dürfte die Notenbank laut Schubert bald auch Anleihen unter dem Einlagensatz kaufen.

Zuletzt hat sich die Lage am deutschen Anleihemarkt ein wenig entspannt. So ist die Rendite in der vergangenen Woche gestiegen. Zumindest vorübergehend drehte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe wieder in den positiven Bereich. Sollte die Entwicklung anhalten, dann würde dies das Kaufprogramm der EZB erleichtern. Die EZB kauft derzeit monatlich Wertpapiere im Wert von im Durchschnitt 80 Milliarden Euro./jsl/jha/he

(AWP)