Indiens Notenbankchef wirft überraschend das Handtuch

Mumbai (awp/sda/reu) - Der indische Zentralbankchef, Raghuram Rajan, hat überraschend das Handtuch geworfen. Der am Wochenende bekanntgemachte Verzicht auf eine zweite Amtsperiode erfolgt nach wachsender Kritik aus Teilen der Regierungspartei von Ministerpräsident Narendra Modi.
19.06.2016 14:08

Nach Ablauf seines Vertrages Anfang September werde er wieder an der Universität arbeiten, hiess es in einem Schreiben Rajans an die Notenbankmitarbeiter. In Regierungskreisen wurden sowohl der Zeitpunkt als auch die Art und Weise seiner Ankündigung als überraschend bezeichnet.

Zu Modi wurde Rajan eigentlich ein gutes Arbeitsverhältnis nachgesagt. Auch Finanzminister Arun Jaitley attestierte dem noch von der Vorgängerregierung eingesetzten Notenbankgouverneur, "gute Arbeit" geleistet zu haben. Unter Investoren genoss der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IMF) ausserdem eine hohe Wertschätzung. Schon bei seinem Amtsantritt 2013 war Rajan von heimischen Medien als "Star" gefeiert worden.

Lob brachte ihm etwa der als souverän gewürdigte Umgang mit der schwersten Währungskrise des Landes seit zwei Jahrzehnten ein. Ferner trug der Notenbankchef massgeblich dazu bei, dass die Teuerung durch ein offizielles Inflationsziel in Schach gehalten werden soll.

Unvollendet bleiben allerdings zwei weitere Projekte: die Sanierung des hoch verschuldeten Bankensektors und die Schaffung eines geldpolitischen Ausschusses, der innerhalb der Zentralbank die Höhe der Zinsen bestimmt.

Für scharfe Kritik im Regierungslager sorgte allerdings, dass die Zinsen in Indien deutlich höher sind als in anderen Teilen der Welt. Zudem wurde Rajan die Einmischung in die Tagespolitik vorgeworfen. Zahlreiche Analysten gehen davon aus, dass sein Weggang am Montag für Unruhe an den indischen Finanzmärkten sorgen wird.

(AWP)