'Kalte Sommerdusche' für deutsche Industrie: Produktion schrumpft

(Ausführliche Fassung) - Nach einem monatelangen Aufschwung hat Deutschlands Industrie einen Dämpfer erhalten. Im Juni ging die Produktion zurück, nachdem die Bestellungen zuvor geschwächelt hatten. Trotzdem sehen Volkswirte eigentlich keine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Unsicherheitsfaktor ist allerdings die von Dieselskandal und Kartellvorwürfen geplagte Autoindustrie.
07.08.2017 11:41

Im Juni sei die Gesamtproduktion im verarbeitenden Gewerbe um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken, teilte das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mit. Experten wurden vom ersten Rückschlag in diesem Jahr überrascht. Sie hatten einen leichten Anstieg um 0,2 Prozent erwartet.

Vor dem Juni-Dämpfer war die Produktion in deutschen Betrieben fünf Monate in Folge gestiegen. Im Mai hatte es noch einen Zuwachs um 1,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat gegeben.

EXPERTE: BAUPROJEKTE ZEITLICH NACH VORNE VERLAGERT

Die enger gefasste Industrieproduktion fiel im Juni laut den Statistikern um 1,4 Prozent gegenüber dem Vormonat. Rückgänge gab es bei der Produktion von Investitions-, Konsum- und Vorleistungsgütern. Die Energieerzeugung legte zu, während die Produktion im Bausektor ebenfalls zurückging.

Der Chefvolkswirt der ING-Diba Bank, Carsten Brzeski, bezeichnete die enttäuschenden Produktionsdaten für Juni als eine "kalte Sommerdusche" und "willkommene Erfrischung" gegen eine drohende Überhitzung. Brzeski sieht die deutsche Wirtschaft nichtsdestotrotz unverändert auf einem starken Wachstumskurs.

BESTELLUNGEN SCHWÄCHELN

Ralph Solveen von der Commerzbank begründete die schwachen Produktionsdaten aus dem Juni mit der Entwicklung der Auftragseingänge. Er verwies darauf, dass die starken Kennzahlen aus dem Vormonat Mai nicht im Einklang mit der zuvor schleppenden Entwicklung der Aufträge gestanden hätten. "Diese Abweichung wurde mit dem Minus im Juni nun korrigiert", erklärte Solveen.

Für das schwache Abschneiden in der Baubranche im Speziellen führte Stefan Kipar von der BayernLB das Wetter ins Feld: "Hier kommt zum Tragen, dass die milde Witterung im Frühjahr viele Bauprojekte zeitlich nach vorne verlagert hat."

VOLKSWIRTE SEHEN WIRTSCHAFT WEITER AUF WACHSTUMSKURS

Trotz des Dämpfers sieht die Bundesregierung keinen Grund zur Sorge. "Die Auftragseingänge sowie die Indikatoren für das Geschäftsklima deuten darauf hin, dass die aufwärtsgerichtete Tendenz bei der industriellen Erzeugung weiter anhält", hiess es in einer Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums.

Auch Volkswirte sehen die deutsche Wirtschaft durch die Bank weiter auf Wachstumskurs. Im zweiten Quartal habe die Produktion immer noch um 1,7 Prozent im Quartalsvergleich zugelegt, sagte Experte Solveen von der Commerzbank. "Damit dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal erneut kräftig zugelegt haben."

GEFAHR FÜR DIE AUTOBRANCHE

Von Aussen gebe es zwar wenige Risiken, erklärte auch ING-Diba-Chefvolkswirt Brzeski. Deutschland habe sich aber selbst Probleme geschaffen. "Die jüngsten Skandale und Entwicklungen in der Autoindustrie könnten am Ende der deutschen Wirtschaft schaden." Allerdings sei dies nicht zwingend, fügte er hinzu. Neben dem Skandal um manipulierte Abgaswerte war zuletzt der Vorwurf der unzulässigen Absprachen unter den deutschen Autobauern hinzugekommen.

Dass die deutsche Wirtschaft momentan trotz der kleinen Delle brummt, zeigt aber der Vergleich mit den Werten aus dem Vorjahr: Das Bundesamt meldete hier für Juni einen Anstieg um bereinigt 2,4 Prozent. Im Mai hatte der Zuwachs in dieser Abgrenzung bei revidiert 4,8 Prozent (zuvor 5,0 Prozent) gelegen./jkr/bgf/das

(AWP)