Kreise: EZB erwägt schrittweisen Abschied vom Wertpapierkaufprogramm

(Neu: Expertenstimmen)
05.10.2016 09:51

FRANKFURT (awp international) - Die Europäische Zentralbank (EZB) will Kreisen zufolge einen harten Schnitt beim Ausstieg aus ihrem milliardenschweren Wertpapierkaufprogramm vermeiden. Die Notenbank könnte schon vor einem Ende des Programms ihre Käufe verringern, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstagabend unter Berufung auf nicht genannte EZB-Vertreter. Das Volumen könnte dann laut einem Szenario um je 10 Milliarden Euro im Monat vermindert werden. Die Märkte reagierten deutlich auf die Nachricht.

Derzeit kauft die EZB monatlich Anleihen im Wert von 80 Milliarden Euro. Das Programm läuft offiziell noch bis mindestens März 2017. Es habe sich jetzt ein Konsens in der EZB gebildet, dass die Käufe schrittweise vermindert werden müssten, bevor das Programm letztlich ende, so Bloomberg. Allerdings werde auch nicht ausgeschlossen, dass das Programm in seinem bisherigen Volumen verlängert werde. Vor dem Ende des laufenden Programms stehen noch vier Sitzungen des EZB-Rats an.

SPRECHER: KEINE DISKUSSION DAZU IM EZB-RAT

Die EZB versucht mit ihren Wertpapierkäufen, die aus ihrer Sicht zu niedrige Inflation nach oben zu treiben. EZB-Präsident Mario Draghi hatte zuletzt immer wieder gesagt, dass über einen Ausstieg aus dem Programm im EZB-Rat noch nicht diskutiert worden sei. Dies bekräftige ein EZB-Sprecher nach dem Bloomberg-Bericht nun abermals. "Der EZB-Rat hat diese Themen nicht diskutiert", schrieb er auf Twitter.

An den Finanzmärkten fielen die Reaktionen dennoch eindeutig aus. Der Euro legte kräftig zu, die Kurse von Bundesanleihen gaben deutlich nach. Commerzbank-Expertin Thu Lan Nguyen hält die Marktreaktionen jedoch für überzogen. Es sei ohnehin damit zu rechnen, dass die Notenbank ihre Anleihekäufe nicht von einem Tag auf den anderen beende, sondern zuvor die Käufe langsam zurückfahre.

EXPERTEN SEHEN ÜBERREAKTION AN DEN MÄRKTEN

Viele Marktteilnehmer hätten die Meldung womöglich so verstanden, dass die EZB bereits in naher Zukunft ihre Anleihekäufe verringern könnte, so Nguyen. Aber: "Bei einer Inflationsrate von gerade einmal 0,2 Prozent und einer Kernrate von nach wie vor unter einem Prozent im Euroraum wäre dies gelinde gesagt: Unsinn."

Aufgrund von Erfahrungswerten mit Blick auf die US-Notenbank Fed sei ohnehin klar, dass jede Reduzierung des Wertpapierkaufprogramms über einen langen Zeitraum erfolgen werde, meint auch Dirk Gojny, Ökonom bei der National-Bank. Dass der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik irgendwann kommen werde, sei klar. "Davon ist man aber noch weit entfernt."/tos/bgf/stb

(AWP)