Nach US-Zinserhöhung: Fed muss sich auf Donald Trump einstellen

(Zusammenfassung)
15.12.2016 06:36

WASHINGTON (awp international) - Ein künftiger US-Präsident Donald Trump könnte die Geldpolitik der US-Notenbank Fed durcheinander wirbeln. Die Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung sei unsicher, sagte Fed-Chefin Janet Yellen am Mittwoch in Washington. Zuvor hatte die Fed den Leitzins zum zweiten Mal seit der Finanzkrise erhöht; im kommenden Jahr könnten drei weitere Zinsanhebungen folgen.

Einige Fed-Mitglieder rechnen laut Yellen nach der Wahl Trumps aber mit einer Änderung der Fiskalpolitik in den USA. Es sei noch unklar, wie die Geldpolitik darauf reagieren würde, sagte die Fed-Chefin. Man habe Zeit, um die politische Entwicklung abzuwarten. Höhere Staatsausgaben seien jedenfalls nicht nötig, um Vollbeschäftigung zu erreichen.

Seit der Wahl des Republikaners Trump zum US-Präsidenten sind die Inflationserwartungen und damit auch die Renditen an den Finanzmärkten deutlich gestiegen. Die Investoren rechneten mit einer expansiven Fiskalpolitik, sagte die Fed-Chefin.

Laut Bernd Weidensteiner, USA-Experte bei der Commerzbank, könnte die Fed kommendes Jahr erstmals seit Jahren gezwungen sein, aggressiver die Zinsen anzuheben als von den Märkten erwartet. "Die Fed befürchtet offenbar, dass der künftige Präsident die Wirtschaft zu sehr ankurbeln könnte", so Weidensteiner. Die Notenbank könnte eine Überhitzung befürchten.

YELLEN: SCHULDENQUOTE SOLLTE BEACHTET WERDEN

Sie wolle Trump keine Ratschläge zur Tagespolitik geben, sagte Yellen. Zu beachten sei aber die Schuldenquote. Ausserdem sollten Fortschritte bei der Bankenregulierung nicht rückgängig gemacht werden, wenn auch eine Lockerung der Regulierung für kleinere Banken möglich wäre. Fed-Mitarbeiter stünden in Kontakt mit dem Trump-Team, sie persönlich bisher jedoch noch nicht, sagte die Fed-Chefin.

Ob sie für eine weitere Amtszeit antreten wird, liess Yellen offen. Sie werde die Entscheidung darüber später treffen. Yellens Vertrag läuft noch bis Februar 2018. Als künftiger Präsident könnte Trump eine weitere Amtszeit Yellens verhindern. Im Wahlkampf hatte sich Trump mehrfach abfällig über die Fed-Chefin geäussert.

IFO-CHEF FUEST: 'ZINSANHEBUNG IST SCHRITT IN DIE RICHTIGE RICHTUNG'

Die Fed hatte am Abend bekanntgegeben, dass sie die Fed-Funds-Rate um 0,25 Prozentpunkte anhebt, sodass diese künftig in einer Spanne zwischen 0,50 und 0,75 Prozent liegt. Volkswirte und Finanzmärkte hatten mit dieser Entscheidung gerechnet.

Die letzte Anhebung um ebenfalls 0,25 Prozentpunkte erfolgte im Dezember 2015. Zuvor hatte der Zinssatz seit Ende 2008 - also kurz nachdem die weltweite Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht hatte - in der Spanne zwischen null und 0,25 Prozent gelegen. Die geldpolitische Haltung bleibe aber auch weiterhin locker, heisst es in der aktuellen Mitteilung.

Experten begrüssten die Entscheidung der Fed für eine weitere Zinsanhebung. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, dem weitere folgen müssen", sagte der Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Da die Inflationsrate in den USA steige, sei es wichtig, rechtzeitig gegenzusteuern. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) solle sich auf einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik vorbereiten, denn es sei absehbar, dass die Inflationsrate nächstes Jahr auch im Euroraum ansteigen werde.

DREI WEITERE ZINSANHEBUNGEN 2017 MÖGLICH

Der Beschluss zur Zinsanhebung sei einstimmig gefallen, hiess es in der Fed-Mitteilung. Man habe mit der Entscheidung die bedeutenden Fortschritte der Wirtschaft gewürdigt, sagte Yellen. In den kommenden Jahren erwarte man ein moderates Wachstum. Die Bedingungen am Arbeitsmarkt sollten sich zudem weiter verbessern. Die Inflation habe in diesem Jahr zugelegt und dürfte in Richtung von 2 Prozent steigen. Im Mittel rechnen die US-Notenbanker weiterhin für kommendes Jahr mit einer Inflationsrate von 1,9 Prozent.

Für 2017 rechnen die Notenbanker im Mittel mit drei weiteren Leitzinsanhebungen. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP-Bank rechnet damit, dass es tatsächlich zu den drei Erhöhungen kommen wird. "Der Arbeitsmarkt läuft rund und die Inflationsraten streben höheren Niveaus entgegen", so der Ökonom. Schliesslich würden auch die Löhne weiter zulegen. "Die Zeit für moderat steigende Leitzinsen ist reif."

Am wirtschaftlichen Ausblick habe sich insgesamt gegenüber der September-Sitzung kaum etwas verändert, sagte Yellen. Die Änderungen seien "winzig" gewesen. Nur wenige Mitglieder hätten ihre Zinserwartungen geändert. Graduelle Zinsanhebungen, also Erhöhungen in kleinen Schritten, dürften demnach ausreichen, um die Ziele zu erreichen. Es gebe keinen vorherbestimmten geldpolitischen Kurs, sagte Yellen.

MÄRKTE REAGIEREN AUF STRAFFEREN GELDPOLITISCHEN KURS

Der Euro fiel nach der Pressekonferenz unter 1,05 US-Dollar auf den tiefsten Stand seit März 2015. Die Anleihekurse in den USA gaben nach, während die Renditen zulegten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatspapiere stieg auf über 2,56 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2014. Die Aktienkurse reagierten negativ./tos/jsl/das

(AWP)