Ökonomen sehen keine Rezessionsgefahr für die Schweizer Wirtschaft

(Zusammenfassung) - Das Schreckgespenst einer Rezession ist zwar seit einigen Monaten wieder in aller Munde. Handelskonflikt, Brexit, starker Franken und weitere globale Unsicherheitsherde sind die Stichworte. Doch Prognostiker schätzen das Risiko eines unmittelbar bevorstehenden scharfen Konjunktureinbruchs hierzulande als gering ein.
17.09.2019 13:50

Gleichwohl haben am Dienstag gleich zwei Institute ihre Prognose für das Wachstum des realen Bruttoinlandproduktes (BIP) im laufenden Jahr 2019 gesenkt. Die Ökonomen des Bundes (Seco) rechnen für dieses Jahr noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent im Vergleich zu 1,2 Prozent bei der Prognose im Juni. Und ihre Kollegen der Credit Suisse prognostizieren neu 1,1 Prozent statt wie zuvor 1,5 Prozent. Im Vergleich zu den 2,8 Prozent im letzten Jahr wäre dies jedenfalls eine deutliche Verlangsamung.

Globale Industrieschwäche

Beim Seco war von "eingetrübten Aussichten" die Rede. Die Weltwirtschaft dürfte sich schwächer entwickeln als bisher angenommen. Zudem sei die Unsicherheit gross, was die Exportwirtschaft und auch die Investitionstätigkeit bremse. Die CS verwies vor allem auch auf den eingetrübten Ausblick für weite Teile der Industrie: Die Schweizer Wirtschaft könne sich der globalen Industrieschwäche nicht entziehen.

Tatsächlich liegt der sogenannte Einkaufsmanager-Index (PMI), der auch ein guter Indikator für die kommende Wirtschaftsentwicklung ist, seit bald einem halben Jahr unter der Wachstumsschwelle. Und laut CS ist die Industriekonjunktur in den Abnehmerländern von Schweizer Exportgütern so schwach wie zuletzt vor sieben Jahren. Erschwerend komme noch der wieder stärkere Franken hinzu.

Auch konkrete Zahlen zeigen, dass die Schweizer Industrie in einer schwierigen Phase steckt. So ist etwa der Bestellungseingang der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) - wie die vor ein paar Wochen veröffentlichten Zahlen zeigten - im zweiten Quartal um fast ein Fünftel eingebrochen.

Geringer Industrieanteil an der Wertschöpfung

Dass dieser Einbruch aber nicht zwingend zu einer gesamtwirtschaftlichen Rezession führen muss, hat vor allem mit dem geringen Anteil der Industrie an der gesamten Wertschöpfung zu tun. In der Schweiz liegt er laut OECD-Zahlen mittlerweile deutlich unter 20 Prozent. Als Vergleich: in Ländern mit einem weiterhin hohen Industrieanteil wie etwa China sind es noch fast 30 Prozent.

Entsprechend werden immer mehr Konsumgüter statt Industriegüter exportiert. Wie die CS-Ökonomen berechnet haben, sind mittlerweile zwei Drittel des Schweizer Exportvolumens Konsumgüter, und diese würden vom nach wie vor soliden globalen Konsumwachstum profitieren. Noch vor zwanzig Jahren war das Verhältnis zwischen Konsumgütern und Investitionsgütern fast ausgeglichen.

Dazu kommt, dass die hierzulande wichtige Pharma-Industrie eine starke Stütze ist, da solche Produkte üblicherweise auch in Krisenzeiten gut nachgefragt werden. Insgesamt dürfte sich das Schweizer Exportwachstum somit zwar verlangsamen, ein eigentlicher Einbruch sei aber nicht zu befürchten, folgern die Ökonomen der Grossbank.

Konsum hält sich gut

Eine wichtige Stütze für die Schweizer Wirtschaft bleibt ausserdem der inländische Konsum, bei dem bisher keine Anzeichen einer Verlangsamung auszumachen sind. Die Ökonomen des Bundes etwa gehen davon aus, dass sich das moderate Konsum-Wachstum fortsetzen wird, und zwar getragen von der immer noch günstigen Lage am Arbeitsmarkt. Auch dieses Jahr dürfte die Beschäftigung - hauptsächlich im Dienstleistungssektor - nach deren Prognosen nämlich weiter solide wachsen und die Arbeitslosenquote daher tief bleiben.

Auch bei der CS sieht man keine Gefahr, dass die Arbeitslosigkeit - ausser bei der MEM-Industrie - im grossen Stil ansteigen wird und dass die Ansteckungsgefahr über den Arbeitsmarkt daher gering sei. "Ein Abgleiten in eine veritable Rezession zeichnet sich nicht ab", ist denn auch das Fazit, das Claude Maurer, Leiter Konjunkturanalyse Schweiz bei der CS, an einer Medienkonferenz zog.

Trotzdem viele Risiken

Ob er damit Recht hat, muss sich noch zeigen. Risiken für die Prognosen gibt es jedenfalls viele. Das Seco meinte gar: "Für die Weltkonjunktur überwiegen die Abwärtsrisiken deutlich." In erster Linie wird da der Handelskonflikt zwischen den USA und China genannt. Aber auch die politische Unsicherheit sei weiterhin hoch, etwa in Bezug auf einen ungeordneten Brexit oder das Verhältnis der Schweiz zur EU (Stichwort Rahmenabkommen).

Und angesichts der Verunsicherung sowie der fragilen Lage in Schwellenländern wie Argentinien sei auch das Risiko von Finanzmarktturbulenzen zuletzt angestiegen. Auch Olivier Adler, Chefökonom der Credit Suisse, sieht das grösste Risiko vom Finanzmarkt ausgehen, allerdings eher aus den USA. Sollte dort etwa die Inflation entgegen den Erwartungen doch deutlich ansteigen, könnte sich das seiner Meinung nach via höhere Bondrenditen und entsprechend sinkende Aktienkurse verheerend auswirken.

uh/

(AWP)