Ökonomen-Überblick zur deutschen Inflation von 4,1 Prozent

Angeheizt von hohen Energiepreisen hat die Inflation in Deutschland erstmals seit knapp 28 Jahren wieder die Vier-Prozent-Marke überschritten. Die Verbraucherpreise stiegen im September gegenüber dem Vorjahresmonat um 4,1 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag anhand einer vorläufigen Berechnung mitteilte. Eine Vier vor dem Komma bei der Teuerungsrate hatten die Statistiker zuletzt im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent ermittelt.
30.09.2021 15:45

Einschätzungen von Ökonomen:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

"Die Inflationsrate in Deutschland war im September mit 4,1 Prozent nicht ganz so hoch, wie befürchtet worden war (Konsens: 4,2). Aber in den kommenden Monaten dürfte es mit der Inflation wieder kräftiger nach oben gehen, auch weil die Unternehmen den gewaltigen Kostenschub durch gestiegene Materialkosten noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben. Langfristig rechnen wir wegen der EZB-Anleihekäufe für Deutschland und den Euroraum mit einem Inflationsproblem, auch wenn die Teuerung nach der Jahreswende wegen des Wegfalls von Sonderfaktoren wieder fallen sollte."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

"Die deutsche Inflationsrate wird in den verbleibenden Monaten diesen Jahres sogar die Schwelle von 5 Prozent durchbrechen. Im kommenden Jahr werden dann jedoch die Teuerungsraten deutlich sinken. Es ist deshalb nicht die Frage, ob die Inflationsraten fallen werden, sondern vielmehr auf welchen Niveaus sich die Teuerungsraten im kommenden Jahr einpendeln werden. Hierbei kommt dem deutlich gestiegenen Gaspreis eine entscheidende Rolle zu. Anders als bei steigenden Ölpreisen machen sich höhere Gaspreise erst mit einer deutlichen Verzögerung in der Inflationsrate bemerkbar."

Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa DWS

"Die deutsche Inflationsrate klettert beständig nach oben. Im September lag die Rate bei 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, vor allem getrieben durch Energie-, aber auch durch anziehende Nahrungsmittelpreise. Da dies Güter des täglichen Bedarfs sind, merken die Verbraucher es deutlich in ihren Portemonnaies. Entwarnung zeichnet sich kurzfristig nicht ab: Steigende Öl-, Gas und Strompreise werden die Inflationsrate weiter nach oben treiben, selbst die Fünf-Prozent-Marke könnte im Raum stehen. Die Europäische Zentralbank sieht diese Entwicklung als temporär an. Ob sie an dieser Einschätzung festhalten wird, entscheidet sich auf der nächsten Sitzung im Dezember."

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt Union Investment

"Vor allem der Energiepreisschock kostet Kaufkraft und tut vielen Haushalten weh. Auf eine lange Zeit derart hohe Inflationsraten werden sich die Bürger trotzdem nicht einstellen müssen. Denn im Laufe des nächsten Jahres werden die Basiseffekte verschwinden und die Inflationsraten fallen. Zudem sollten sich Angebot und Nachfrage in vielen Marktsegmenten wieder stärker die Waage halten als jetzt. Bis beides zum Tragen kommt, werden wir höhere Inflationsraten sehen - und sie aufmerksam, aber mit einer Portion Gelassenheit zur Kenntnis nehmen. Das werden die meisten Anleiheinvestoren auch bei kleinen Überraschungen wie der von heute wohl auch tun."/jsl/bgf/he

(AWP)