Schweizer Wirtschaft hat mit starkem Franken zu leben gelernt

(Ergänzt um Stellungnahme des Seco) - Eine starke Aufwertung des Schweizer Frankens schüttelt kurzfristig die Schweizer Wirtschaft durch. Sowohl die Beschäftigung wie die Forschungsausgaben sinken. Langfristig dagegen scheint sich die heimische Wirtschaft gut auf die Frankenstärke eingestellt zu haben.
24.10.2017 13:20

Die Schweizer Exportwirtschaft hat über die Jahre hinweg eine erstaunlich grosse Widerstandskraft gegen die Aufwertung des Frankens entwickelt. So lassen sich fünf am Dienstag publizierte Studien zusammenfassen, die verschiedene Forscher im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) verfasst haben.

Dabei unterscheiden sich kurzfristige und langfristige Effekte markant. Kurzfristig sind starke Aufwertungen für die Exportwirtschaft ein Schock, wie zwei Studien der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) zeigen. So hat die Aufhebung des Mindestkurses im Januar 2015 dazu geführt, dass sich die Zahl der Beschäftigten in einem durchschnittlichen Schweizer Industrieunternehmen in den folgenden zwei Jahren um rund 4% reduziert hat.

Dabei stellt die KOF diesen Effekt nicht nur bei Exportunternehmen fest. Auch bei inlandorientierten Industrieunternehmen soll gemäss der Studie die Beschäftigung in etwa gleich starkem Mass gesunken sein. Eine mögliche Erklärung dafür ist laut KOF, dass diese Unternehmen unter Druck geraten, weil durch die Aufwertung des Frankens Konkurrenzprodukte aus dem Ausland günstiger werden.

SPAREN BEI DEN FORSCHUNGSAUSGABEN

Zudem stellt die KOF fest, dass Exportunternehmen auf den Frankenschock mit einer erheblichen Kürzung der Forschungs- und Entwicklungs- (F&E) sowie Investitionsbudgets reagiert haben. Die Konjunkturforscher schätzen, dass im Durchschnitt ein exportorientiertes Unternehmen die F&E-Ausgaben um 17% senkt, wenn sich der Franken um 10% aufwertet.

Bei kleinen und mittelgrossen Firmen wirkte sich das vor allem im Verzicht oder im Aufschub von Investitionsprojekten aus. Bei grossen und international tätigen Industrieunternehmen stellt die Studie auch eine verstärkte Verlagerung der Investitionstätigkeit ins Ausland fest.

Kurzfristig wirken sich starke Aufwertungen demnach spürbar negativ aus. Mittel- und langfristig dagegen sind diese Effekte nicht mehr so eindeutig. So mutmasst die KOF zwar, dass längere Aufwertungsphasen die Attraktivität des Standorts Schweiz beeinträchtigt und die Deindustrialisierung beschleunigt.

STABILE EXPORTSTRUKTUR

Die anderen drei Studien weisen jedoch darauf hin, dass die Industrie damit auch zu leben gelernt hat. So hat sich gemäss einer Studie dreier Ökonomen der Universität Basel zwischen 1990 und 2015 zwar die Aufwertung leicht negativ auf die Exporte ausgewirkt. Doch die Effekte seien im Vergleich zu Veränderungen der ausländischen Nachfrage nur gering.

Ebenfalls machen die Forscher keinen Zusammenhang zwischen Frankenaufwertung und Exportkonzentration aus. Seit dem Jahr 2003 machen zwar immer weniger Produkte einen steigenden Anteil der Schweizer Exporte aus. Diese Konzentration ist aber einzig auf die Pharmaindustrie zurückzuführen. Ohne deren Produkte hat sich trotz den Währungsschocks die Struktur der Schweizer Exporte kaum verändert.

Erreicht hat dies die Industrie, indem sie sich den Gegebenheiten angepasst hat. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, hat sie unter anderem die Produktqualität gesteigert. So hat laut einer Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft in der Schweiz eine Aufwertung um 10% zu einer Verbesserung der durchschnittlichen Produktqualität um 1 bis 2% geführt.

WIDERSTANDSFÄHIGER ALS DEUTSCHLAND

Insbesondere in Branchen mit hohen F&E-Ausgaben wie der Maschinen- und Uhrenindustrie seien signifikante Qualitätsverbesserungen festzustellen, heisst es in der Studie. Die Pharmaindustrie ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Sie reagiert kaum auf kurzfristige Bewegungen am Devisenmarkt, umso mehr dafür auf Veränderungen der Nachfrage.

Dass die Schweizer Exportindustrie eine hohe Anpassungsfähigkeit besitzt, zeigt auch die Studie des Forschungsinstituts BAK Economics. Die Studienautoren haben darin die Widerstandsfähigkeit gegenüber Währungs- und Nachfrageschocks von 40 Volkswirtschaften untersucht.

Das Resultat ist, dass die Schweizer Volkswirtschaft insgesamt bei dieser so genannten Resilienz zwar knapp unterdurchschnittlich abschneidet. Vor ihr liegen jedoch mit Ausnahme von Irland und Hongkong fast nur Länder, bei denen die Exporte eine deutlich geringere Bedeutung für die Gesamtwirtschaft haben. So erweist sich die Schweizer Volkswirtschaft widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks als zum Beispiel Deutschland und Japan - beides zwei grosse und international sehr leistungsfähige Volkswirtschaften.

RAHMENBEDINGUNGEN SIND ENTSCHEIDEND

Für die Wirtschaftspolitik zieht das Seco aus den Studien vor allem den Schluss, dass nicht kurzfristige Aktionen, sondern das langfristige Schaffen und Erhalten guter Rahmenbedingungen entscheidend für den weiteren Erfolg der Schweizer Wirtschaft ist. "Die Studien zeigen, dass die Industrie sehr anpassungsfähig ist. Darum braucht es bei Währungsschocks auch keine vorschnellen Massnahmen", sagt Seco-Chefökonom Eric Scheidegger auf Anfrage.

Entscheidend dafür seien gute Rahmenbedingungen, die es den Unternehmen zum Beispiel erlaubten, bei Aufwertungsschocks auch sofort zum Beispiel mit längeren Arbeitszeiten oder Kurzarbeit zu reagieren. Dazu gehört laut Scheidegger auch eine gute Sozialpartnerschaft. Obwohl 2015 für die Exportindustrie sehr herausfordernd gewesen sei, habe es in der Schweiz nicht mehr Konflikte zwischen Arbeitnehmerschaft und Geschäftsleitungen gegeben als davor.

ra/

(AWP)