SNB wartet auf das Votum der Briten zum Verbleib in der EU

(Zusammenfassung)
16.06.2016 13:57

Bern (awp/sda) - Wie erwartet hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre schon expansive Geldpolitik beibehalten. Doch die Notenbanker lehnen sich nach ihrem Zinsentscheid vom Donnerstag nicht zurück. Vielmehr spielen sie vor dem Brexit-Votum nächste Woche auf Zeit.

Die SNB belässt den Negativzins für Sichteinlagen bei der Nationalbank bei minus 0,75%. Auch das Zielband für den Dreimonats-Libor belässt sie bei minus 1,25% bis minus 0,25%. Dieses Beibehalten der bisherigen Geldpolitik war in Finanzkreisen erwartet worden.

Damit reiht sich die SNB ein in die Vorgehensweise der für sie relevanten ausländischen Notenbanken: Am Mittwoch hatte die amerikanische Fed und am Donnerstag die japanische BoJ bekannt gegeben, bei ihrer bisherigen Politik zu bleiben, und auch die europäische EZB hält nach einem Entscheid von Anfang Juni derzeit die Füsse still.

SNB STEHT BEREIT

Dass der Austritt Grossbritanniens aus der EU für SNB-Präsident Thomas Jordan und seine Direktoriumskollegen ein Thema ist, hat er sehr deutlich gemacht. "Der Brexit ist zwar nicht Teil unseres Basis-Szenarios, doch wir analysieren die Lage genau und sind bereit, wenn nötig, am Markt zu intervenieren", erklärte er an der Medienkonferenz zur geldpolitischen Lagebeurteilung.

Dabei stütze sich die Geldpolitik der SNB nach wie vor auf die beiden Eckpfeiler Negativzins und Devisenmarktinterventionen. Laut Jordan haben die Währungshüter bei beiden Instrumenten noch Spielraum. Letztere dürften, wenn notwendig, in einer Erstreaktion auf Marktturbulenzen zum Einsatz kommen. Für Devisenmarkttransaktionen habe sich die SNB keine fixe Limite gesetzt, so Jordan mit Blick auf die zuletzt auf über 600 Mrd CHF angeschwollenen Devisenreserven.

Sollten in einer Woche die Briten dafür stimmen, aus der EU auszutreten, dann dürfte der Franken vor allem gegenüber dem Euro unter massiven Aufwertungsdruck geraten. Eine Tendenz, die sich bereits in den letzten Wochen zeigt, nur schon aufgrund der Nervosität an den Märkten vor dem Brexit-Votum. Auch Jordan denkt, dass diese Entwicklung vor allem an die Unsicherheit rund um die "Brexit"-Debatte gekoppelt ist.

SPIELRAUM FÜR ZINSSENKUNG

Spielraum sieht der SNB-Präsident in einem zweiten Schritt auch für eine weitere Zinssenkung. Trotz bereits tief negativer Leitzinsen sei das Ende der Fahnenstange möglicherweise noch nicht erreicht, hielt er fest. "Wir schliessen eine weitere Zinssenkung nicht aus. Wir haben noch Spielraum."

Ab einem gewissen Zinsniveau drohe jedoch die Gefahr einer übermässigen Bargeldhortung, räumte Jordan ein. Dieses Niveau sei mit den heutigen Negativzinsen aber noch nicht erreicht. "Das würde kommen, wenn wir deutlich weitergehen würden", so der SNB-Chef.

PROGNOSEN MIT VORBEHALT

Ferner hat die SNB ihre Frühjahresprognose bestätigt. Sie rechnet weiterhin mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) zwischen 1,0 und 1,5% in diesem Jahr. Nach einem Wachstum von 0,4% im ersten Quartal deuten gemäss SNB die verfügbaren Indikatoren auf eine weitere Erholung hin.

Die neue bedingte Teuerungsprognose zeigt derweil für die kommenden Quartale einen rascheren Anstieg der Inflation als noch im März. Grund dafür sei der seither deutlich gestiegene Ölpreis. Nach dem ersten Quartal 2017 werde der Effekt dieser Ölpreiserhöhung auf die Jahresteuerung entfallen. Die neue bedingte Prognose nähere sich danach derjenigen vom letzten Quartal und verlaufe ab 2018 gleich.

Die Inflationsprognose liegt für 2016 nun mit minus 0,4% um 0,4 Prozentpunkte höher als noch im März. Für 2017 erwartet die Nationalbank eine Inflation von 0,3% gegenüber 0,1% in der Prognose des letzten Quartals. Für 2018 geht die Notenbank unverändert von einer Inflation von 0,9% aus.

Jordan schickte jedoch einen Vorbehalt voraus: "Mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU würde die Ausgangslage grundlegend verändert". Die SNB müsste sowohl die Einschätzungen zur Inflations- als auch zur BIP-Entwicklung in der Schweiz anpassen.

Sollten die Briten am 23. Juni beschliessen, dass sie in der EU verbleiben, dann sollte sich die Lage auf den Finanzmärkten stabilisieren. Der Franken könnte wieder leicht abwerten und die Notenbanker bei der SNB könnten ihren Kurs der ruhigen Hand fortführen. Doch bis dahin spielen Jordan und seine Kollegen auf Zeit.

ra/uh

(AWP)