Terrorangst und Frankenstärke führen zu Rückgang der Logiernächte

(Meldung durchgehend ergänzt)
05.08.2016 14:00

Neuenburg (awp/sda) - Was befürchtet wurde, ist nun Tatsache: Die Schweizer Hoteliers haben im ersten Halbjahr 2016 einen schweren Stand gehabt. Die Angst vor Anschlägen sowie der nach wie vor starke Franken wirkten sich negativ auf die Übernachtungszahlen aus.

Insgesamt buchten Touristen von Januar bis Juni 16,8 Mio Übernachtungen in Schweizer Hotels. Das sind fast 200'000 weniger als im ersten Semester 2015. Die Abnahme um 1,2% ist vor allem dem Fernbleiben von ausländischen Gästen geschuldet, wie die provisorische Beherbergungsstatistik des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt. Die Nachfrage von Schweizern nahm dagegen leicht zu.

CHINESEN FÜRCHTEN ANSCHLÄGE

Der Trend der vergangenen Monate setzte sich damit fort. Aufgrund der letzten Zahlen war ein Rückgang im nun verzeichneten Ausmass erwartet worden. Trotzdem macht das Minus der Branche etwas Bauchweh. Namentlich die preissensiblen deutschen Gäste (-6,8%) sowie die vorsichtigen chinesischen Touristen (-14,3%) übernachten weniger oft in der Schweiz.

Vor diesem Hintergrund ist das eher schlechte Wetter im Frühling und Frühsommer dieses Jahres zwar eine Erklärung für das schwache Ergebnis - nicht aber der Hauptgrund. "Wir haben den im vergangenen Jahr eingeleiteten Trend noch nicht stoppen können", sagt Barbara Gisi, Direktorin des Schweizer Tourismus-Verbandes (STV), am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Hauptgrund für die Baisse sei der nach wie vor starke Franken.

Bei den Asiaten kämen nach den verschiedenen Anschlägen in der letzten Zeit Sicherheitsbedenken hinzu. Gisi gibt aber auch zu bedenken, dass bei den Chinesen zum ersten Mal negative Zahlen verzeichnet worden seien. "Es gibt keinen Grund zur Panik."

"BACK TO THE ROOTS"

Mit einem blauen Auge kommen die Schweizer Hoteliers davon, weil die inländischen Gäste treu sind. Die unsichere Lage in vielen ausländischen Feriendestinationen habe auch einen positiven Effekt auf die Schweiz, sagt Gisi. "Viele besinnen sich auf Werte wie Sicherheit und buchen Ferien in ihrer Heimat."

Gute Nachrichten gibt es auch von angelsächsischen Touristen. US-Amerikaner und Briten haben im ersten Semester 2016 mehr Übernachtungen in der Schweiz gebucht als im Vorjahr. Laut Gisi spielt dabei bei beiden Touristengruppen die Tradition eine Rolle.

Bei den Amerikanern sei der Trend zu beobachten, dass sie öfter ins Herkunftsland ihrer Vorfahren reisen - "quasi back to the roots". Die Briten ihrerseits verbänden eine grosse touristische Tradition mit der Schweiz. Dies sei gerade in unsichereren Zeiten wichtig.

Ebenfalls positiv streicht Gisi die vermehrten Übernachtungen von Touristen aus den Golfstaaten hervor. "Sie reagieren weniger sensibel auf den Terror."

BERGREGIONEN LEIDEN WEITERHIN

Wenig von diesen positiven Aspekten kriegen momentan die Bergregionen mit. Wie die Statistik zeigt, sind sie besonders vom Rückgang der Logiernächte betroffen. Graubünden verbuchte mit einem Minus von 113'000 Logiernächten (-4,5%) die deutlichste Abnahme in absoluten Zahlen. Es folgen das Wallis (-70'000/-3,7%) und das Berner Oberland (-63'000/-3,6%).

Dass der alpine und ländliche Tourismus leidet, ist für Ernst Wyrsch keine Überraschung. Der Präsident von hotelleriesuisse Graubünden spricht die Urbanisierung der Gesellschaft an. "Die junge Generation ist stadt-affin", sagt er der sda. Sie habe die Berge noch nicht im Visier.

Wie bei den chinesischen Touristen, die Graubünden noch nicht auf ihrer Reisekarte hätten, hofft Wyrsch aber auf bessere Zeiten. "Auch sie werden die Energie der Berge noch entdecken."

FORDERUNGEN AN DIE POLITIK

Dazu braucht es aber Anstrengungen. Claude Meier, Direktor von hotelleriesuisse, sieht vor allem die Politik in der Verantwortung. "Sie muss die Rahmenbedingungen anpassen." Es gelte, Massnahmen zum Abbau der Hochpreisinsel Schweiz zu ergreifen, bürokratische Hürden abzubauen und Planungssicherheit für investitionsfreudige Hoteliers zu gewährleisten.

Übernachtungen in der Schweiz seien nun mal teurer als im angrenzenden Ausland. "Qualität kostet", sagte Meier. Die Löhne seien beispielsweise nicht mit dem Ausland vergleichbar. Auch für Gisi vom Tourismus-Verband ist klar: "Die Politik muss sich zum alpinen Tourismus bekennen."

Dass auch die Hoteliers selbst gefordert sind, ist klar. "Wir müssen uns zusammenschliessen und zerreissen", sagte Wyrsch. Mit etwas mehr Engagement der Hoteliers ginge es bestimmt wieder aufwärts.

mk

(AWP)