Vorsorgeverpflichtungen als Bilanzrisiko für Unternehmen

Zürich (awp) - Die Deckungssituation der betrieblichen Vorsorge von börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz hat sich 2015 leicht verschlechtert. Rückläufige Zinserträge und schwache Renditen sind gemäss dem Beratungsunternehmen Willis Towers Watson (WTW) die Gründe für eine zunehmende Unterdeckung. Neue Bilanzierungsregeln zwingen die Firmen zudem Vorsorgepläne zu überdenken, Risiken zu mindern und sogar Rentenverpflichtungen aus den Bilanzen zu verbannen.
09.06.2016 15:08

Obwohl die Höhe der Vorsorgeverpflichtungen der grössten börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz abnimmt, wird es aufgrund geringer Renditen immer schwieriger, diese zu decken. Dies zeigt die jährliche Pension Risk Studie von WTW, die am Donnerstag den Medien vorgestellt wurde. Sie analysiert die Deckungssituation von leistungsorientierten Vorsorgeplänen anhand der internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS und US-GAAP.

VORSORGEVERPFLICHTUNGEN STABIL - ANLEIHENRENDITEN WEITER RÜCKLÄUFIG

Im Vergleich zum Vorjahr sind die Vorsorgeverpflichtungen der analysierten SLI-Unternehmen um insgesamt 3,4 Mrd CHF gesunken, was einem Minus von 1,6% entspricht. Bei den SMI-Unternehmen gingen die Verpflichtungen um 0,3% oder 0,7 Mrd CHF zurück. Weil sich gleichzeitig aber die Kapitalrenditen unter den Erwartungen entwickelt haben, verringerte sich der durchschnittliche Deckungsgrad.

Demnach veränderte sich die Kapitaldecke nur geringfügig, der Deckungsgrad fiel jedoch bei SMI-Unternehmen leicht auf durchschnittlich 83%. Bei den SLI-Unternehmen blieb er stabil bei 80%. Trotzdem sei es für Firmen aufgrund des "historisch tiefen Diskontierungssatzes ratsam, ihre gegenwärtigen Vorsorgepläne zu überprüfen und De-Risking-Prozesse umzusetzen", sagt Richard Köppel, Senior Consultant bei WTW.

Denn auch die durchschnittlichen Anleiherenditen seien im ersten Quartal des laufenden Jahres in Abhängigkeit von der jeweiligen Laufzeit erneut um bis zu 40 Basispunkte gefallen. Für Vorsorgepläne mit einer typischen Laufzeit von 15 Jahren könnten sich demnach die Vorsorgeverpflichtungen aufgrund des Rückgangs des Diskontierungssatzes um rund 5-6% erhöht haben. Dies würde laut WTW zur Absenkung der Deckungsgrade auf 78-79% bei SMI- und auf 75-76% bei SLI-Unternehmen führen.

AUSLAGERUNG DER FINANZIERUNGSRISIKEN VON RENTENVERPFLICHTUNGEN

Die 2013 revidierten Bilanzierungsregeln nach IAS 19 führten laut Köppel zwar zu mehr Transparenz bezüglich der Unter- und Überdeckungen, zogen aber auch höhere Bilanzvolatilität und -risiken nach sich.

"Firmen sollten die Gelegenheit nutzen, die mit den Vorsorgeverpflichtungen verbundenen Finanzierungsrisiken zu verstehen und zu kontrollieren", empfiehlt Köppel, "Ein Standardverfahren hierfür gibt es allerdings nicht, da sich die Ausgangslage je nach Unternehmen unterschiedet." Angesichts des Zinsumfelds und der Suche nach angemessenen Renditen sei die Auslagerung der Rentenrisiken eine valable Alternative.

"Viele Unternehmen sind mittlerweile bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen, um Vorsorgeverpflichtungen aus den Bilanzen zu bringen, um die Volatilität des Rentenbestands zu reduzieren," sagt Zanella, "Der Verkauf von Rentenbeständen ist aber eine heikle Sache, weil es im Falle einer Unterdeckung der kaufenden Sammelstiftungen zu Rechtsfällen kommen könnte." Der Trend zur Auslagerung von Rentenansprüchen sei in der Schweiz im Vergleich zu den USA oder Deutschland noch gering, "wenn die Zinsen aber tief bleiben und der Inflationsdruck zunimmt, dann wird sich dies ändern", so Zanella.

Willis Towers Watson analysiert die offengelegten Verpflichtungen aus der beruflichen Vorsorge der SMI- und SLI-Unternehmen gemäss den internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS und US GAAP. Die Resultate unterscheiden sich daher laut dem Beratungsunternehmen grundlegend von Kennzahlen, die schweizerische Vorsorgeeinrichtungen nach Swiss GAAP FER26 publizieren.

sta/ra

(AWP)