ETF-Markt wächst ungebremst - Bond-ETFs überholen erstmals wieder Aktien

Börsennotierte Fonds (ETF) haben sich auch im Juni einer starken Nachfrage erfreut. Mit Zuflüssen von insgesamt knapp 50 Mrd USD bewegt sich die Branche weiter auf Rekordniveau. Erstmals seit Herbst vergangenen Jahres haben Bond-basierte ETFs wieder stärker zugelegt als ETFs auf Aktienbasis.
12.07.2017 14:15

Vor allem Europa-domizilierte ETFs aus dem Fixed Income-Bereich haben einen starke Zulauf im Juni gehabt. Es war ihr stärkster Zufluss seit Mai 2016. Für Christian Gast, Head iShares und Index Investing bei BlackRock Schweiz, hat dies viel mit der beruhigenden Wirkung der Frankreich-Wahlen zu tun. "Der Sieg von Emmanuel Macron in den Präsidentschaftswahlen hat einen grossen Unsicherheitsfaktor aus den Märkten genommen", sagt er im Gespräch mit AWP.

BOND-ETFS STARK GEFRAGT

Aber auch weltweit haben Bond-Basierte ETFs einen guten Zulauf gehabt. Wie aus den wöchentlichen Statistiken der Bank of America Merrill Lynch (BofAML) hervorgeht, haben Fixed Income-ETFs generell in den vergangenen 16 Wochen Zuflüsse verzeichnet. Unterteilt in die verschiedenen Klassen, dauert der gute Lauf bei den IG-Bonds (Investment Grade) mit mittlerweile 28 Wochen noch länger an. ETFs auf Schwellenländer-Anleihen stehen mit einem 23-Wochen-Lauf dicht dahinter.

Das passt auch in das Bild, das der iShares-Experte Gast zeichnet. "ETFs auf Schwellenländer-Anleihen sind dabei, ihren bisherigen Sprint in einen regelrechten Marathon zu verwandeln". Bislang hätten diese ETFs in diesem Jahr in jedem Monat Zuflüsse von mehr als 1 Mrd USD verzeichnet. Die anhaltend hohe Nachfrage erklärt Gast mit der Suche nach Rendite, die Investoren weiterhin zugreifen lasse.

AKTIEN-ETFS LIEFEN BISLANG NOCH BESSER

Doch auch wenn ETFs aus dem Bond-Bereich im Juni einen weiterhin starken Lauf hatten, hinken sie bislang in diesem Jahr der Nachfrage nach Aktien-basierten ETFs hinter. Wie Sven Württemberger, Leiter Vertrieb Passive Investments Schweiz bei der Deutschen AM, gegenüber AWP betont, sind seit Jahresbeginn etwa zwei Drittel in Aktien-ETFs geflossen und etwa ein Drittel in den Fixed Income-Bereich. "Im vergangenen Jahr war der Anteil der Bond-basierten ETFs noch deutlich höher."

"Gerade in den Sommermonaten könnte die Nachfrage nach den Bond-ETFs aber auch durchaus wieder steigen", so Württemberger weiter. Denn mit dem Sommer käme auch die Ferienzeit, in der viele Investoren vorübergehend nicht da seien. In diesen Zeiten tendieren Märkte zu einer höheren Volatilität und Anleger eher zu stabilem Ertrag als Wachstum, was dann wiederum die Nachfrage im Fixed Income-Bereich erhöhe.

Dass es bereits etwas ruhiger geworden ist, zeigen die wöchentlichen Zuflüsse. Während ETFs bis Mitte Juni noch zweistellige Zuflüsse von knapp 23 Mrd USD in der Spitze verzeichneten, sammelte die Branche in den letzten zwei Juni-Wochen jeweils um die 5 Mrd USD ein. James Butterfill, Head of Research & Investment Strategy bei ETF Securities, zielt ebenfalls darauf ab, dass die Sommermonate normalerweise von einer erhöhten Volatilität gekennzeichnet seien.

INVESTOREN DURCHAUS BESORGT

Aktuell sei sie aber noch vergleichsweise niedrig, was bei einigen Marktteilnehmern sogar zu einer erhöhten Vorsicht führt. "Am Markt herrscht das Gefühl, dass die aktuell niedrige Volatilität fast zu gut ist, um wahr zu sein, was auch meine Überzeugung ist", erklärt er gegenüber AWP. Denn die Volatilität werde letztlich künstlich niedrig gehalten und nicht, weil Investoren nicht ängstlich seien. "Der Markt ist beunruhigt mit Blick auf die Zentralbanken, die nach knapp zehn Jahren erste Anzeichen für eine striktere Geldpolitik geben." Das schüre die Befürchtungen, dass die Blasen, die Quantitative Easing (QE) im Aktien- und Bondmarkt geschaffen hat, platzen könnten. Indikatoren wie etwa der für politische Unsicherheit, unterstützen diese Annahme.

In eine ähnliche Richtung äussert sich auch Andreas Zingg, Head of ETF Distribution Management Vanguard Europe, im Gespräch mit AWP. Für ihn ist die Politik der Zentralbanken ebenso wie die anhaltenden politischen Risiken weiterhin ein wichtiger Treiber für die Finanzmärkte. "Die hohen Allokationen in Obligationen-ETFs mit weniger Durationsrisiko (z.B. kurze Durationen, Floating Rate Notes) sind ein klares Zeichen, dass sich die Investoren auf eine Änderungen der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank vorbereiten."

SCHWEIZER INVESTOREN MASSGEBLICH AN GUTER PERFORMANCE BETEILIGT

Mit Blick auf die Schweiz hebt Gast von iShares hervor, dass es hier eher innerhalb des Marktes zu Umschichtungen gekommen sei. So habe man bei Aktien-basierten ETFs etwa auf den SPI oder den MSCI Schweiz etwas mehr Zulauf gesehen, der aber vor allem aus den Abflüssen aus SMI-ETFs gespeist wurde.

Wie Württemberger von der Deutschen AM noch beobachtet, haben Schweizer Investoren aber massgeblich zu dem Gesamtbild der ETF-Branche im Juni beigetragen. Es seien starke Investitions-Flüsse aus der Schweiz heraus zu beobachten gewesen. Wichtig dabei sei, dass es sich hier vor allem um Neugeld handelte und nicht um Mittel, die an anderer Stelle abgezogen worden waren. "Investoren haben also verstärkt auch ihre Cash-Reserven dafür genutzt."

Ein weiteres Thema, das nach Ansicht der Experten immer mehr Zulauf findet, sind thematische ETFs. Sowohl Gast als auch Butterfill von ETF Securities heben diesen Trend hervor. So macht Gast eine anhaltend hohe Nachfrage nach Robotics-ETFs aus, während Butterfill bei ETFs, die sich dem Thema Cyber-Sicherheit widmen, eine klare Zunahme sieht.

hr/rw

(AWP)