Behring-Prozess: Bundesstrafgericht beendet Hauptverhandlung

(Abschluss der Berichterstattung zum Behring-Prozess. Die Urteilsverkündung findet am 30. September um 10 Uhr statt.)
30.06.2016 13:02

Bellinzona (awp/sda) - Der einmonatige Behring-Prozess hat am Donnerstag mit einem kurzen Schlusswort des Angeklagten seinen Abschluss gefunden. Die Bundesanwaltschaft fordert eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten wegen gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei. Die Verteidigung beantragt eine Einstellung des Verfahrens oder einen Freispruch.

Zumindest auf der Seite der Verteidigung von Dieter Behring ist es zum Abschluss des Prozesses zu einem kleinen Happy End gekommen: In seinem Schlusswort dankte der Angeklagte dem amtlichen Verteidiger Roger Lerf für seine Arbeit und seinen Einsatz, "den ich lange Zeit unterschätzt habe".

Worte, die am ersten Verhandlungstag am Bundesstrafgericht in Bellinzona wohl niemand für möglich gehalten hatte. Damals bombardierte Bruno Steiner, Behrings Privatverteidiger, die amtliche Verteidigung und die Bundesanwaltschaft (BA) mit Kritik und Vorwürfen.

Behring sei von Lerf ungenügend bis gar nicht verteidigt worden. Dieser sei dem Angeklagten gegenüber nicht loyal gewesen und habe lediglich für eine "Sockelverteidigung" im Sinne der BA gesorgt. Nach Lerfs Plädoyer in den letzten beiden Tagen schienen diese Vorwürfe ausgeräumt.

FLEISSARBEIT VORGELEGT

Mit unzähligen Zitaten aus Befragungen von Geschädigten und Involvierten versuchte Left aufzuzeigen, dass zahlreiche Anleger ihr Geld nicht in erster Linie Behring und seinem System anvertraut hatten, sondern den jeweiligen Vermittlern. Diesen hätten die meisten Anleger vor allem vertraut. Oftmals hätten sich Anleger und Vermittler seit Jahren gekannt.

Behring hat gemäss den von Lerf wiedergegebenen Aussagen für sie nur eine sekundäre Rolle gespielt - oder sogar keine. Viele der zitierten Anleger hätten noch nicht einmal eine von Behrings Präsentationen besucht.

Gegen die Hauptvermittler sind die Verfahren eingestellt worden. Damit hat die BA laut Lerf eine Art Kronzeugen geschaffen. Er kritisierte, dass es die Bundesanwaltschaft den ursprünglich Mitbeschuldigten einfach gemacht habe, um sich untereinander abzusprechen.

Während Behring mehrere Monate in Untersuchungshaft bleiben musste, konnten die anderen meist nach einigen Stunden wieder gehen.

Der amtliche Verteidiger thematisierte in seinem Plädoyer auch das Verhalten der Anleger selbst. Er zeigte wiederum mit zahlreich zusammengetragenen Zitaten derselben, dass diese gar nicht so genau wussten oder wissen wollten, wohin ihr Geld floss.

Manche sagten gemäss den wiedergegebenen Befragungspassagen aus, dass ihnen das Risiko bewusst gewesen sei. Und manche investierten, obwohl ihnen davon abgeraten worden war.

Lerf appellierte an den Staatsanwalt, dass er die Verfahren gegen die anderen Beschuldigten von Amtes wegen wieder aufnehmen solle. Behring allein hätte ein solches Konstrukt von Konten und Firmen gar nicht alleine aufziehen und betreiben können.

GELDFLÜSSE NACHGEZOGEN

Der Staatsanwalt konzentrierte sich in seinem Plädoyer darauf aufzuzeigen, wohin die Gelder der Investoren flossen und wer die Verfügungsmacht über die Konten ausübte.

Er geht davon aus, dass alles von Anfang an daraus ausgelegt war, ein Schneeballsystem aufzuziehen. Ein funktionierendes System, mit denen die zweistelligen Renditen erzielt werden sollten, habe es nie gegeben. Nach dem Zusammenbruch des Systems standen rund 2000 Geschädigte da, die insgesamt 800 Mio CHF verloren hatten.

Unter den vom Staatsanwalt gezeigten Akten stand immer wieder die Unterschrift Behrings. Er habe die Herrschaft über die Konten gehabt und ausgeübt.

Die Analyse der Geldflüsse durch die BA hat gemäss Staatsanwalt gezeigt, dass die Gelder nicht direkt in Tradings flossen. Nur mit jenen Beträgen, die Behring auf seine Konten oder die seiner Frau überwiesen hatte, sei tatsächlich gehandelt worden.

Zudem wurde noch Geld für Managed accounts überwiesen. Insgesamt handelte es sich dabei um 50 Mio CHF und damit um einen kleinen Anteil der einbezahlten Gelder.

ZWÖLF JAHRE UNTERSUCHUNG

Ein wiederkehrendes Thema während des Prozesses war die lange Verfahrensdauer von zwölf Jahren, die auch bei der Bestimmung des Strafmasses eine Rolle spielen wird.

Die BA begründete die lange Zeitspanne zwischen Untersuchungsbeginn und Anklage mit der Komplexität des Falles und dem "obstruktiven" Verhalten Behrings. Die Verteidigung spricht von einem Verstoss gegen das Beschleunigungsgebot, das die Bundesanwaltschaft zu verantworten habe.

Das Bundesstrafgericht hat die Urteilsverkündung auf den 30. September angesetzt.

(AWP)