Behring-Prozess: Ehemaliger Vermittler belastet Behring

Bellinzona (awp/sda) - Über 800 Milo CHF an Kundengeldern sollen im System Behring verschwunden sein. Am Montag beschäftigte sich das Bundesstrafgericht erstmals dezidiert mit den Fragen, wohin dieses Anlagevermögen geflossen sein könnte und wer es wann verwaltet hat. Die Aussagen Behrings und einer seiner Hauptvermittler lagen dabei grundsätzlich auseinander.
20.06.2016 19:45

Alles begann mit einer Patek Philippe. Diese Uhr schenkte der am Montag befragte ehemalige Hauptvermittler Behring in den 1990er-Jahren. Als Zeichen dafür, dass er ein "grosser Meister des Handelssystems" gewesen sei, wie der per Videokonferenz im Gerichtssaal zugeschaltete langjährige Geschäftspartner Behrings sagte.

Über andere Vermögenstransfers - jene der verwalteten Kundengelder - gab es am Gerichtstag dagegen weniger Aufschlüsse. Er habe keine Ahnung, wo das Geld geblieben sei, sagte der ehemalige Hauptvermittler am Montag. "Dann wäre ich ein glücklicher Mann", so der Zeuge. Seitdem die Geschäfte der Muttergesellschaft für die Anlageprodukte Behrings über die Bahamas abgewickelt wurden, habe nur Behring selbst über die "Geldstränge" verfügt.

"GNADENLOS MISSBRAUCHT"

Der an Parkinson erkrankte Mann bestätigte auf Nachfrage des Richters ausserdem, dass er in letzter Zeit mehrfach schriftlich bedroht wurde.

Der Hauptvermittler gab an, dass er mit dem Teil der Vermögensverwaltung nichts zu tun gehabt habe, sondern sich nur um die rechtliche Absicherung kümmerte. Wirtschaftlicher Alleinberechtigter sei Behring gewesen. Vom Basler Financier habe er sich "gnadenlos missbraucht" gefühlt - er habe auch sein persönliches Vermögen verloren.

Der leidenschaftliche Flieger verglich sein Verhältnis zum "System Behring" mit dem Autopiloten eines Flugzeugs. Nachdem er mit der Zeit ein Gefühl der Sicherheit gewonnen habe, habe er auch dem Anlagesystem vertraut - hätte er einen direkten Einblick in die Konten Behrings geworfen, wäre ihm dies als Vertrauensbruch ausgelegt worden, so der Hauptvermittler.

ANSEHNLICHE ERTRÄGE

Behring wollte dies im Anschluss an die Befragung nicht gelten lassen: Es sei unmöglich, dass ein neugieriger und erfahrener Mensch wie der Hauptvermittler nicht genau gewusst habe, was auf den Konten der Gesellschaft gelaufen sei.

Über die von ihm eingestrichenen "Lizenzgebühren" machte der Basler Financier keinen Hehl. Allein für das Jahr 2003 habe er Anspruch auf 98 Mip CHF an "Management- und Performancefees" gehabt. Davon habe er zwar auch teure Immobilien und Uhren gekauft, aber ebenso Löhne gezahlt und in den Ausbau der Firmeninfrastruktur investiert.

Auch der befragte Hauptvermittler bekam sein Stück vom Kuchen: Durch Vermittlungsprovisionen von Behring habe er einen Betrag "im unteren zweistelligen Millionenbereich" erhalten, den er in die Entwicklung eines Senkrechtstartflugzeugs steckte. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Hauptvermittlers hatte dieses Projekt im Zeugenstand als "fliegende Untertasse" bezeichnet.

VERHANDLUNGSRHYTHMUS ANPASSEN

Bevor im Gericht am Montag der Fokus auf den verwalteten Vermögen lag, trug die Verteidigung zahlreiche Anträge vor. Einige von ihnen hatte das Gericht bereits in der vergangenen Woche abgelehnt und änderte auch am Montag nichts an dieser Einschätzung.

Die Privatverteidigung forderte ausserdem, den Verhandlungsrhythmus an den gesundheitlichen Zustand Behrings anzupassen - er war von Donnerstag bis Sonntag im Krankenstand. Sein Klient leide ausserdem an chronischen Erkrankungen - das 12-jährige Verfahren habe einen "psychosozialen Stress" in ihm ausgelöst, so der Anwalt.

Zu reden gab auch die Anklageschrift selbst: Das Gericht stellte fest, dass Behring sehr wohl verstanden habe, was ihm vorgeworfen werde, auch wenn dies vom Beschuldigten und der Verteidigung in Anbetracht der zahlreichen Fussnoten angezweifelt wurde.

Am Dienstag soll der Prozess mit Fragen zum Anlagesystem Behrings fortgesetzt werden. Die Bundesanwaltschaft wird mit ihrem Plädoyer voraussichtlich am Freitag beginnen.

(AWP)