Behrings privater und amtlicher Verteidiger auf der gleichen Linie

Bellinzona (awp/sda) - Der amtliche Verteidiger von Dieter Behring hat in seinem am Mittwoch fortgesetzten mehrstündigen Plädoyer versucht, die Vorwürfe gegen Behring mit unzähligen Details zu entkräften. Dafür erhielt er Anerkennung von Behrings privaten Verteidigern, die ihn zuvor scharf kritisiert hatten.
29.06.2016 16:39

Der amtliche Verteidiger Roger Lerf sparte bei seinem Plädoyer nicht mit Kritik an der Arbeit der Bundesanwaltschaft (BA). Zitate, Zitate und nochmals Zitate aus Befragungen von Geschädigten und Involvierten dienten ihm dazu aufzuzeigen, dass zahlreiche Anleger ihr Geld nicht in erster Linie Behring anvertraut hatten, sondern den jeweiligen Vermittlern.

Von diesen sitzt jedoch niemand wie Behring wegen gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei auf der Anklagebank. Die BA habe mit der Einstellung der Verfahren gegen die Mitbeteiligten Kronzeugen geschaffen, die alle Schuld auf den verbliebenen Behring abschieben würden. "Die letzten beissen die Hunde", sagte Lerf dazu.

Gemäss dem amtlichen Verteidiger hätten die meisten Anleger in erster Linie ihren Vermittlern vertraut. Oftmals hätten sie diese seit langem gekannt.

Behring hat gemäss den beigezogenen Aussagen für sie nur eine sekundäre Rolle gespielt oder gar keine. Viele der zitierten Anleger hatten noch nicht einmal eine von Behrings Präsentationen besucht.

Lerf kritisierte auch, wie einfach es die Bundesanwaltschaft den ursprünglich mitbeschuldigten Hauptvermittlern gemacht habe, sich untereinander abzusprechen. Während Behring mehrere Monate in Untersuchungshaft bleiben musste, konnten die anderen meist nach einigen Stunden wieder gehen.

LEICHTSINNIGE ANLEGER

Der amtliche Verteidiger thematisierte in seinem Plädoyer auch das Verhalten der Anleger selbst. Er zeigte wiederum mit zahlreich zusammengetragenen Zitaten derselben, dass diese gar nicht so genau wussten oder wissen wollten, wohin ihr Geld floss.

Manche sagten gemäss den wiedergegebenen Befragungspassagen aus, dass ihnen das Risiko bewusst gewesen sei. Und manche investierten, obwohl ihnen davon abgeraten worden war.

Lerf appellierte an den Staatsanwalt, dass er die Verfahren gegen die anderen Beschuldigten von Amtes wegen wieder aufnehmen solle. Nach dem Auftauchen von Anklageentwürfen gegen diese bestünde eine ausreichende Grundlage dafür.

VERSÖHNUNG IN DER VERTEIDIGUNG

Im Rahmen der Vorfragen zum laufenden Prozess hatten die beiden Privatverteidiger Bruno Steiner und Daniel Walder den amtlichen Verteidiger hart angegriffen. Sie warfen ihm vor, mit der BA kollaboriert und Behring nicht ausreichend verteidigt zu haben.

Nach dem Plädoyer des amtlichen Verteidigers hat Steiner verbal den Hut vor Lerf gezogen. Dieser habe ein vorzügliches Plädoyer gehalten, sagte Steiner.

Und nach der absoluten Funkstille zwischen dem Angeklagten und dem amtlichen Verteidiger kam es zu einem dankenden Handschlag zwischen diesen beiden.

Behring ist wegen gewerbsmässigen Betrugs und qualifizierter Geldwäscherei angeklagt. Er soll zwischen September 1998 und Oktober 2004 gewerbsmässig Anleger betrogen haben. Die rund 2000 Geschädigten sollen insgesamt 800 Millionen Franken verloren haben.

Die BA hat eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten beantragt. Lerf und Steiner fordern primär die Einstellung des Verfahrens. Für den Fall, dass das Bundesstrafgericht diesem Antrag nicht folgt, beantragen sie einen Freispruch. Die Urteilseröffnung ist für Ende September vorgesehen.

(AWP)