LafargeHolcim: Staatsanwaltschaft fordert provisorische Haft für Ex-Lafarge-Chef

(Erweiterte Fassung) - Wegen der Schutzgeldzahlungen des französischen Zementkonzerns Lafarge an Terrorgruppen im syrischen Bürgerkrieg zieht sich die Schlinge auch um Ex-Konzernboss Bruno Lafont zu: Die Pariser Staatsanwaltschaft hat eine formelle Anklage und Untersuchungshaft für ihn gefordert.
08.12.2017 15:50

Lafont sei dem zuständigen Richter vorgeführt worden, berichtete die gewöhnlich gut informierte Nachrichtenagentur AFP am Freitag unter Berufung auf Justizkreise. Für das ehemalige Konzernleitungsmitglied Christian Herrault verlangte die Staatsanwaltschaft die Unterstellung unter Kontrolle der Justiz.

Lafont war von 2007 bis 2015 Konzernchef von Lafarge gewesen. Nach der Fusion mit des Konzerns mit dem Schweizer Rivalen Holcim zum weltgrössten Zementriesen LafargeHolcim musste er seinen Posten räumen.

Am Vortag war bereits Ex-LafargeHolcim-Chef Eric Olsen wegen der Vorgänge im syrischen Bürgerkrieg in den Jahren 2012 bis 2014 angeklagt worden. Die Behörden werfen ihm Terrorismusfinanzierung und die Gefährdung des Lebens anderer vor. Olsen war seinerzeit Personalchef von Lafarge.

Olsen befindet sich unter Kontrolle der Justizbehörden. Auch wenn die Untersuchung noch fallengelassen werden könne, rücke ein Prozess gegen den Amerikaner, der auch einen französischen Pass hat, damit näher.

MILLIONEN AN SCHUTZGELDERN GEZAHLT

Bei den Vorwürfen geht es um Vorgänge aus den Jahren 2012 und 2014 vor der Fusion von Lafarge mit Holcim. Lafarge soll in Syrien Extremisten bezahlt haben, um den Betrieb in seinem Zementwerk im Norden des Landes aufrecht erhalten zu können.

Das Werk befindet sich in Dschalabija rund 25 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Gelder in Höhe von 5,6 Millionen Dollar sollen unter anderem an Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflossen sein.

Menschenrechtsorganisationen hatten dem Unternehmen vorgeworfen, die Terroristen bezahlt zu haben, um weiterarbeiten zu können. Zudem soll Lafarge dem IS in Syrien Öl abgekauft haben. Damit habe die Gruppe gegen das EU-Ölembargo gegen Syrien verstossen, das seit dem Herbst 2011 galt. Die IS-Miliz hatte sich seit 2013 zahlreicher Erdölquellen des Landes bemächtigt.

Zudem wird Lafarge vorgeworfen, nicht genügend für die Sicherheit seiner syrischen Angestellten gesorgt zu haben, die in dem Werk blieben. Dagegen wurden die Werksleitung und die Expats bereits 2012 evakuiert. Später gab Lafarge zu, dass es zu Entführungen von Mitarbeitern gekommen war.

Wegen des Verdachts der Finanzierung von Extremisten und des Verstosses gegen EU-Sanktionen wurde vor kurzem gegen drei Verantwortliche der Zementgruppe in Frankreich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dabei handelt es sich um zwei Ex-Chefs des syrischen Zementwerks und den Lafarge-Sicherheitsverantwortlichen.

EX-CHEFS IM VISIER

Nun sind auch Lafont und Olsen an der Reihe. Beide wurden am Mittwoch in Polizeigewahrsam genommen zusammen mit dem einstigen Konzernleitungsmitglied Christian Herrault. Alle drei wurden von den Ermittlern in Paris befragt, die wissen wollen, ob die Konzernleitung in Frankreich über die Vorgänge in Syrien im Bilde gewesen war.

Laut einem Bericht der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie, der im Auftrag von Lafarge verfasst wurde, hat Olsen an den Sitzungen des Sicherheitskomitees teilgenommen. Er habe sich voll und ganz an den Diskussionen über die Sicherheit im Werk in Syrien beteiligt, steht im Bericht.

Lafarge fusionierte 2015 mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim zum mit Abstand grössten Zementgiganten der Welt. Olsen wurde zum ersten Konzernchef des gemeinsamen Unternehmens LafargeHolcim berufen. Im vergangenen Juli hatte er nach einer internen Untersuchung um die Schutzgeldzahlungen das Unternehmen verlassen.

INAKZEPTABLE FEHLER EINGERÄUMT

LafargeHolcim wollte sich zu den Untersuchungsverfahren gegen Olsen, Lafont und Co. nicht äussern. Weder Lafarge SA noch LafargeHolcim seien derzeit Partei in diesen Verfahren, sagte ein Sprecher.

LafargeHolcim-Verwaltungsratspräsident Beat Hess hatte vergangenen Sonntag gegenüber der französischen Zeitung "Le Figaro" "inakzeptable Fehler" in der Affäre eingeräumt. Lafarge habe sich zu spät aus Syrien zurückgezogen.

Mitte November hatte die Justiz wegen der Schutzgeldzahlungen im syrischen Bürgerkrieg in Paris und Brüssel Razzien durchgeführt. Dabei durchsuchten Polizisten zwei Tage lang den Firmensitz von Lafarge in Paris. In Brüssel gingen die Ermittler gegen Grossaktionär GBL vor.

cf/

(AWP)