Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss in den USA vor Gericht

New York (awp/sda) - Der ehemalige Konzernchef und Gründer des Medizintechnikunternehmen Synthes, der Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss, muss sich in den USA vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Er soll Ärzte zu tödlichen Versuchen mit einen Knochenzement angestiftet haben.
29.06.2016 08:02

Im zivilen Gerichtsverfahren werden Synthes, Wyss und ein Arzt von der Familie von Reba Golden verklagt. Reba Golden starb 2007 während eines angeblichen Routineverfahrens auf dem Operationstisch. Der zuständige Arzt habe gewusst, dass der Synthes-Knochenzement Norian nicht für Rückenoperationen zugelassen sei, machen die Kläger geltend.

Bereits 2009 belastete die US-Bundesanwaltschaft Synthes und vier Führungsleute, illegale klinische Studie an Menschen durchgeführt zu haben. In einem Vergleich wurden die Synthes-Mitarbeiter zu Gefängnisstrafen verurteilt und das Unternehmen zahlte über 23 Millionen Dollar Busse.

Wyss wurde in jenem Strafverfahren nicht zur Verantwortung gezogen. Das soll nun in der Zivilklage der Familie Golden anders werden. Ihr Anwalt Rick Friedman argumentierte am Montag in Seattle im Bundesstaat Washington, Wyss sei sich bewusst gewesen, dass Norian zwar im Schädel und Armknochen eingesetzt werden kann, Anwendungen im Wirbelsäulen-Bereich aufgrund eines erhöhten Risikos von Blutgerinnseln aber tödlich enden könnten.

Laut dem Anwalt starben in Testversuchen von Norian an Schweinen in den frühen 2000er-Jahren die Tiere innerhalb von wenigen Sekunden. Friedman sagte, Wyss habe sich aber für die Versuche an Menschen entschieden, statt ein langwieriges und teures Zulassungsverfahren über sich ergehen zu lassen.

Der Anwalt von Synthes, James Smith, sagte, Synthes habe den Ärzten deutlich gemacht, dass Norian-Zement in Wirbelsäulenverfahren keine Zulassung der US-Lebensmittel-Arzneibehörde FDA habe. Zur Zeit der Operation an Golden sei Synthes zudem bereits aus dem Geschäft zurückgetreten.

Der Arzt argumentiert, dass seine Verwendung des Zements bei Reba Golden allen Sicherheitsstandards entsprochen habe. Auch Wyss beteuert laut Medienberichten seine Unschuld. Er habe die Patientin nicht gekannt und mit dem Arzt nie über ihre Operation gesprochen.

DEMOKRATISCHER SPENDER

Es wird erwartet, dass sich der Fall vor dem Obersten Bundesgericht des Gliedstaates Washington über mehrere Wochen bis in den August hinzieht. Synthes und Wyss drohen Schadensersatzzahlungen in mehrstelliger Millionenhöhe. Neben der Klage der Goldens sind drei weitere, ähnliche gelagerte Fälle gegen Synthes hängig.

Der Fall macht zudem Schlagzeilen, weil Wyss als Spender für demokratische Politiker und Anliegen bekannt ist. Er gilt als Freund von Bill und Hillary Clinton. Anhänger der republikanischen Partei behaupten, Wyss sei im ersten Prozess um den Knochenzement einer Anklage entgangen, weil ihn seine ranghohen Freunde beschützt hätten.

Wyss hatte seinen Anteil an Synthes 2011 an den US-Konzern Johnson & Johnson verkauft. Mit einem Vermögen von mehreren Milliarden US-Dollar ist er einer reichsten Schweizer. Im jüngsten "Forbes"-Milliardärsranking belegt er Rang 196.

(AWP)