Tagesüberblick Wirtschaft

Bern (awp/sda) - Dienstag, 21. Juni 2016
21.06.2016 17:35

BESTÄTIGTE PROGNOSEN: Schweizer Konjunkturexperten halten an ihren Prognosen vom März für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz fest. Sie erwarten weiterhin ein Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr von 1,1 Prozent. Auch die Prognose für 2017 bleibt unverändert. So erwarten die von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) im Rahmen des KOF Consensus Forecast befragten 23 Ökonomen im nächsten Jahr nach wie vor ein Wachstum von 1,5 Prozent. Bei den Prognosen für 2020 sind sie dagegen leicht pessimistischer. Sie senken diese um 0,1 Prozentpunkte auf 1,6 Prozent.

ERWERBSTÄTIGEN-REKORD: Noch nie waren in der Schweiz so viele Menschen erwerbstätig: Im ersten Quartal stieg die Zahl auf 5,015 Millionen. Das sind 1,3 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Während in der Schweiz insgesamt mehr Personen arbeiteten, ging die Zahl der Selbstständigen von 380'000 im ersten Quartal 2015 auf 342'000 zurück, wie aus der neusten Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS) hervorgeht. Die Zahl der Arbeitnehmer aus den EU-Staaten stieg mit einem Plus von 2,4 Prozent auf 1,198 Millionen stärker als der Durchschnitt. Einen leichten Anstieg gab es auch bei den Grenzgängern. Waren es vor einem Jahr 294'000, die in die Schweiz zur Arbeit pendelten waren es im ersten Quartal 2016 305'000.

MEHR JOBS: Die Zahl der Stellenausschreibungen in der Schweiz ist zwischen Mai und Juni um 8,1 Prozent angestiegen. Damit hält der positive Trend aus den Vormonaten an. Vor einem Jahr waren die Stellenangebote in der gleichen Periode noch um 2,2 Prozent zurückgegangen, wie es im Swiss Job Index des Personalvermittlers Michael Page heisst. Die Deutschschweiz verzeichnete mit einem Plus von 8,6 Prozent zwischen Mitte Mai und Mitte Juni den grössten Zuwachs an Stellenangeboten seit vier Jahren. In der Westschweiz nahm die Zahl der Stelleninserate im selben Zeitraum um 4 Prozent zu.

HÖHERER EXPORTWERT: Im Mai haben die Ausfuhren der Schweizer Wirtschaft zum fünften Mal in Folge zugelegt. Das Resultat wurde massgeblich von den gestiegenen Medikamentenpreisen beeinflusst. Der Wert der exportierten chemisch-pharmazeutischen Produkte stieg im Vorjahresvergleich um satte 22,6 Prozent. Real, also bereinigt um die Teuerung, wären die Exporte indes um 1 Prozent gefallen, wie aus der Aussenhandelsstatistik der Eidg. Zollverwaltung (EZV) vom hervorgeht. Da die Pharmaindustrie den mit Abstand wichtigsten Pfeiler der Exportindustrie darstellt, beeinflusste der Preiseffekt auch das Gesamtresultat stark. Während die Ausfuhren nominal um 5,7 Prozent zulegten, sanken sie real um 3,6 Prozent.

WENIGER ÜBERSCHUSS: Die Schweiz ist auch im ersten Quartal 2016 reicher geworden, allerdings ist der Leistungsbilanzüberschuss nicht mehr so gross wie im Vorjahr. So hat die Schweiz 10 Milliarden Franken mehr Geld eingenommen als ausgegeben. Das sind aber 3 Milliarden weniger als im Vorjahresquartal. Die Abnahme war vor allem auf den Warenhandel zurückzuführen, bei dem der Einnahmenüberschuss mit 8 Milliarden um 2 Milliarden Franken niedriger ausfiel als in den ersten drei Monaten 2015. Grund dafür ist, dass der Goldhandel weniger Einnahmen brachte als vor einem Jahr. Bei den Warenimporten blieben die Ausgaben auf dem Stand des Vorjahres. Bei den Dienstleistungen war der Einnahmenüberschuss mit 5 Milliarden Franken beinahe stabil. Die Primäreinkommen, die sich aus Arbeits- und Kapitaleinkommen zusammensetzen legten leicht zu.

PROBLEME MIT KARTEN: Wer derzeit in Geschäften mit Maestro- und anderen Karten bezahlen will, kann nach wie vor auf Probleme stossen. Die Störungen beim Schweizer Zahlungsabwickler SIX Payment Services halten an. Betroffen sind alle Regionen der Schweiz sowie Österreich. Ursache sei ein Problem mit den Netzwerk, sagte SIX-Sprecher Stephan Meier gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Von einer äusseren Ursache, etwa einem Angriff, sei nicht auszugehen. Das bargeldlose Bezahlen war bereits seit Montag früh beeinträchtigt. Die Störungen traten dabei punktuell auf.

DETAILHANDEL LEIDET: Im schweizerischen Detailhandel herrscht ein gnadenloser Verdrängungskampf, unter dem vor allem die Anbieter von Non-Food leiden, während der Lebensmittelmarkt stagniert. Insgesamt war 2015 geprägt vom grössten Minus seit 25 Jahren. Im Detailhandel wurden 2015 insgesamt 95,4 Milliarden Franken umgesetzt. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Minus von 2,2 Milliarden oder 2,3 Prozent. Das Minus geht vor allem zulasten der Anbieter von Non-Food. So senkten beispielsweise Manor oder die Dosenbach-Ochsner-Gruppe die Preise, um ihre Kunden im Inland zu halten.

SORGEN WEGEN BREXIT: Die Folgen eines möglichen Austritts Grossbritanniens aus der EU bereitet einigen Schweizer Unternehmensführern Sorgen. Dies geht aus einer Umfrage des Beratungsunternehmen Deloitte bei mehr als 110 Finanzchefs hervor. Je näher das Referendumsdatum rücke, desto nervöser würden die Finanzchefs, schreibt das Unternehmen. Bei einer im März durchgeführten Umfrage unter 116 Finanzchefs rechneten noch 17 Prozent im Fall eines "Brexit" mit negativen Auswirkungen für ihr eigenes Unternehmen. Im Juni stieg dieser Anteil unter 112 befragten Finanzchefs laut Deloitte auf 40 Prozent.

AKTIVE AKTIONÄRE: 2016 sind mehr Minderheitsaktionäre an die Generalversammlungen der Unternehmen geströmt. Dabei zeigten sie sich kritischer als die Grossaktionäre und institutionellen Anleger. Die Vergütungsabstimmungen erfolgten nach dem Prinzip leistungsbezogener Löhne. Unternehmen, die bei negativer Aktionärsrendite höhere Cheflöhne wollten, kamen bei der Abstimmung darüber auf eine Ablehnungsquote von 9,7 Prozent. Waren die Resultate positiv, sagten nur noch 2,6 Prozent Nein zu höheren Cheflöhnen. Das ergab eine Untersuchung des Stimmrechtsberaters Swipra.

SCHWARZE ZAHLEN IM DOLDER: Premiere am Zürichberg - Erstmals seit der vollständigen Erneuerung des Fünfsternehauses im Jahr 2008 schreibt die Dolder Grand AG schwarze Zahlen. Im vergangenen Jahr erzielte das Luxushotel mitsamt dem "Dolder Waldhaus", der Kunsteisbahn und dem Bad einen Gewinn von 28'000 Franken. Ein genauerer Blick in die Zahlen zeigt jedoch, dass der Hauptaktionär Urs E. Schwarzenbach auf eine Forderung in der Höhe von 15,4 Millionen Franken verzichtete. Dies lässt die Zahlen weitaus besser aussehen, als sie tatsächlich sind. Ohne diesen Verzicht wären die Zahlen immer noch tief dunkelrot.

RECHTSKONFORME EURO-RETTUNG: Das Euro-Rettungsprogramm der EZB ist mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar, soweit beim Ankauf von Staatsanleihen die Bedingungen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) erfüllt werden. Dieses Urteil hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe verkündet. Die Verfassungsbeschwerden und die Klage der Linken gegen das sogenannte OMT-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB) wurden damit zurückgewiesen. Das OMT-Programm verstosse wegen begrenzender Auflagen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) nicht gegen das Verbot der monetären Haushaltsführung in Eurokrisenstaaten, entschieden die Karlsruher Richter. Die deutsche Bundesbank darf sich deshalb künftig am Kauf maroder Staatsanleihen beteiligen.

SAMMELKLAGE GEGEN VW: Einer der grössten US-Pensionsfonds und weitere institutionelle Anleger haben wie angekündigt Volkswagen wegen des Abgasskandals auf Schadensersatz verklagt. Die Anwaltskanzlei Quinn Emanuel teilte mit, von VW begangene Verstösse gegen die kapitalmarktrechtliche Publizitätspflicht hätten bei den Mandanten zu Verlusten in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe geführt. Der grösste europäische Autobauer VW habe den Kapitalmarkt nicht rechtzeitig informiert und durch die Abgasmanipulation bei rund elf Millionen Fahrzeugen weltweit Milliarden Marktkapitalisierung vernichtet.

KREUZFAHRTEN BOOMEN: Der Kreuzfahrt-Boom in Europa nimmt kein Ende. Im vergangenen Jahr buchten fast 6,6 Millionen Europäer eine Kreuzfahrt - 3,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie der Fachverband CLIA (Cruise Lines International Association) mitteilte. Das entsprach etwa 30 Prozent aller Kreuzfahrt-Passagiere weltweit. Die grösste Gruppe der europäischen Passagiere kam aus Deutschland: Über 1,8 Millionen Gäste entschieden sich für eine Schiffsreise, das waren 27,5 Prozent aller europäischen Passagiere. Das Wachstum der deutschen Passagierzahl um 2,3 Prozent ist noch ausbaufähig. "Es gibt nicht genügend Schiffsraum", sagte der Chef der deutschen CLIA-Sektion, Helge Grammerstorf.

AXA SPART: Der künftige Axa-Chef Thomas Buberl verordnet dem französischen Versicherer auf dem Weg in die Digitalisierung ein milliardenschweres Sparprogramm. Bis zum Jahr 2020 sollen die jährlichen Kosten um 2,1 Milliarden Euro vor Steuern sinken. In der Schweiz wird der Personalabbau weitergehen. Insgesamt hatte Axa Winterthur Ende Dezember in der Schweiz 6149 Vollzeitstellen. Das sind 38 weniger als Ende 2013. Dieser leichte Rückgang dürfte sich bis 2020 fortsetzen. Zugleich will Axa verstärkt in digitale Angebote investieren und hohe Summen in den Kauf anderer Unternehmen stecken: Pro Jahr will der Konzern rund eine Milliarde Euro für Übernahmen ausgeben. Wachsen will Axa unter anderem im Schaden/Unfall-Bereich, bei Vorsorgeprodukten und in Asien.

GROSSÜBERNAHME VOM KION: Der deutsche Gabelstaplerhersteller Kion will für umgerechnet mehr als 1,8 Milliarden Euro das US-Unternehmen Dematic übernehmen. Kion rechnet mit einem Kaufpreis von etwa 2,1 Milliarden Dollar, wie das Unternehmen mitteilte. Mit der Übernahme würde Kion zur Weltspitze der Anbieter intelligenter Logistiklösungen aufrücken. Kion baut Gabelstapler, bietet Lagertechnik und die damit verbundenen Dienstleistungen an. Dematic mit Hauptsitz in Michigan machte im vergangenen Jahr rund 1,8 Milliarden Dollar Umsatz. Der Unternehmenswert beträgt laut Kion 3,25 Milliarden Dollar.

SAAB-AUTO IST GESCHICHTE: Die Automarke Saab ist Geschichte. Das Saab-Nachfolgeunternehmen National Electric Vehicle Sweden (NEVS) gab offiziell den Versuch auf, die Marke für ein geplantes E-Auto zu benutzen. Das Modell, das 2017 auf den Markt komme, werde zwar auf dem Saab 9-3 basieren, aber unter der Marke NEVS herausgebracht. Die Marke gehört dem schwedischen Rüstungskonzern Saab. NEVS war es nicht gelungen, sich von dem Unternehmen die Nutzungsrechte zu sichern. Der erste Saab war 1949 vom Band gerollt; die Marke geniesst bei vielen Autofans weltweit Kultstatus.

KUBANISCHER KAFFEE IN USA: Nach mehr als 50 Jahren können Koffeinfans in den USA bald wieder kubanischen Kaffee trinken. Nestlé will dort ab Herbst Nespresso-Kapseln mit kubanischem Kaffee auf den Markt bringen. Zunächst wird es die Kapseln nur in limitierter Auflage geben, daraus soll sich aber ein festes Angebot entwickeln. Das US-Aussenministerium hatte Kaffee erst im April auf die Liste der Güter gesetzt, die wieder aus Kuba importiert werden dürfen. Die beiden Länder arbeiten derzeit weiter an der Normalisierung ihrer Beziehungen, die Ende 2014 eingeleitet worden war. Im vergangenen Sommer nahmen sie wieder diplomatische Beziehungen auf.

(AWP)