Tagesüberblick Wirtschaft

Bern (awp/sda) - Mittwoch, 10. August 2016
10.08.2016 17:37

WENIGER GEWINN: Die Raiffeisen-Bankengruppe hat im ersten Halbjahr 2016 weniger Gewinn gemacht. Unter dem Strich blieben noch 367 Millionen Franken, rund 7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Raiffeisen-Chef Patrik Gisel nannte zwei Gründe für den Gewinnrückgang: Einerseits drückten die volatilen Märkte auf das Handelsgeschäft, dessen Ertrag um 12,5 Prozent einbrach; anderseits investierte Raiffeisen in den Ausbau der digitalen Kanäle, wodurch sich der Geschäftsaufwand erhöhte. Angesichts der Umstände zeigte sich Gisel mit dem Ergebnis "sehr zufrieden". Obwohl der Brexit-Entscheid die bereits tiefen Zinsen weiter erodieren liess, konnte Raiffeisen im Kerngeschäft zulegen. Der Zuwachs im Zinsengeschäft betrug 1,5 Prozent. Das Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft brachte gegenüber der Vorjahresperiode 3,1 Prozent mehr ein. Der Geschäftsertrag insgesamt blieb mit 1,52 Mrd. Franken praktisch unverändert.

WENIGER KUNDEN: Der in den Geldwäscherei-Skandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB verwickelten Schweizer Privatbank BSI haben im zweiten Quartal einige Kunden den Rücken gekehrt. Das Institut verzeichnete Vermögensabflüsse von netto 6,3 Milliarden Franken, wie die brasilianische Investmentbank BTG Pactual mitteilte. Noch steht der Schweizer Vermögensverwalter im Besitz der Brasilianer. BTG Pactual geriet jedoch nach der Verhaftung ihres Gründers inmitten einer Korruptionsaffäre in Turbulenzen und will das Institut daher noch im laufenden Jahr an die Schweizer Konkurrentin EFG International weiterverkaufen. Diese steigt mit der Übernahme zum fünftgrössten Schweizer Vermögensverwalter auf. Mit dem bis zu 1,3 Milliarden Franken schweren Deal flüchtet sich BSI unter ein neues Dach: Die Aufseher hatten wegen der Verwicklung der Bank in den 1MDB-Skandal die Schliessung von BSI angeordnet und zugleich deren Übernahme durch EFG genehmigt.

PERSONALVERMITTLUNG: Adecco ist auch im zweiten Quartal gewachsen und war damit ungefähr gleich schnell unterwegs wie zum Jahresauftakt. Im grössten Markt Frankreich bekam der weltgrösste Personalvermittler allerdings die wochenlangen Streiks zu spüren. Der Umsatz legte von April bis Ende Juni um 2 Prozent auf 5,7 Mrd. Euro zu. Unter Ausklammerung von Währungseinflüssen und Beteiligungsveränderungen - also organisch - betrug das Plus gegenüber der Vorjahresperiode 4 Prozent. Das ist gleich viel wie im ersten Quartal. Dagegen musste der Konzern in der Schweiz erneut einen Rückschlag hinnehmen. Organisch und arbeitstagsbereinigt schrumpfte der Umsatz hierzulande um 4 Prozent. Besonders die Exportwirtschaft und der Medizinalsektor litten. Insgesamt legte der Betriebsgewinn vor Amortisationen (EBITA) um 10 Prozent auf 282 Mio. Euro zu. Der Reingewinn wuchs um 7 Prozent auf 190 Mio. Euro.

ZUKAUF: Mitten im Kampf um die Übernahme des britischen Unternehmens Premier Farnell hat der Altdorfer Industriekonzern Dätwyler das süddeutsche Unternehmen Ott gekauft. Ott, das mit 200 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 33 Millionen Franken erzielt, ist auf Formenbau und Kunststofftechnik spezialisiert. Dätwlyer teilte die Übernahme der Ott GmbH mit. Für diesen Tag hat Dätwyler auch eine ausserordentliche Generalversammlung angesetzt. Dabei geht es um eine Kapitalerhöhung im Zusammenhang mit der angekündigten, aber in Frage gestellten Übernahme von Premier Farnell. Premier Farnell ist ein Elektronikgrosshändler und soll in die Dätwyler-Division Technical Components aufgenommen werden, die Elektronikzubehör vertreibt. Ott verstärkt die Sparte Sealing Solutions, die Verschluss- und Dichtungslösungen an die Automobilindustrie und an Arzneimittelhersteller liefert.

IMMOBILIEN: Trotz real sinkender Eigenheimpreise und einem geringeren Zuwachs von Hypothekarkrediten als vor Jahresfrist besteht in der Schweiz weiterhin das Risiko einer Immobilienblase. Tiefe Zinsen machen Investitionen in Immobilien weiter attraktiv. Der UBS-Immobilienblasenindex ist im zweiten Quartal leicht auf 1,32 Punkte gesunken. Das ist zwar der zweite Rückgang in Folge, aber der Index verharrt im Risikobereich, der zweithöchsten Gefahrenstufe des Index. Die UBS-Ökonomen haben errechnet, dass die nominalen Eigenheimpreise gegenüber dem Vorquartal stagniert haben und damit teuerungsbereinigt um 0,6 Prozent gesunken sind. Auf Jahresbasis handelt es sich um die tiefste Wachstumsrate seit dem Jahr 2000. Die Hypothekarverschuldung der privaten Haushalte stieg im Berichtsquartal gegenüber dem Vorjahr um nur noch 2,7 Prozent. Laut UBS ist das so langsam, wie seit der Jahrtausendwende noch nie.

BREXIT: Eine Umfrage der Bank von England (BoE) verstärkt nach dem Brexit-Votum die Sorge um die britische Wirtschaft. Laut der Erhebung hat sich das Wachstum bei Dienstleistungen im vergangenen Monat verlangsamt, wie die Notenbank mitteilte. Auch der Anstieg der Konsumausgaben sei schwächer geworden. Einige Umfrage-Resultate hatte die BoE bereits vergangene Woche in ihrem Inflationsbericht veröffentlicht. Die Erhebung basiert auf Treffen von Notenbank-Vertretern mit Geschäftsleuten aus verschiedenen Regionen des Landes zwischen Ende Juni und Ende Juli. Mit der Umfrage mehren sich die Anzeichen für eine Abkühlung der britischen Wirtschaft nach dem Anti-EU-Referendum. Die Erhebung zeichnet allerdings ein weniger düsteres Bild als der jüngste Einkaufsmanager-Index. Dieser war im Juli auf den niedrigsten Wert seit April 2009 abgestürzt.

SINKENDE ARBEITSLOSIGKEIT: In Portugal hellt sich die Lage am Arbeitsmarkt auf. Die Erwerbslosenquote fiel im Frühjahresquartal auf 10,8 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren. Zu Jahresbeginn lag sie noch bei 12,4 Prozent. Das Land steht wegen überhöhter Defizite in Brüssel unter verstärkter Beobachtung. Die EU-Finanzminister folgten zuletzt aber dem Vorschlag der EU-Kommission, vorerst auf Strafzahlungen zu verzichten. In Lissabon hat die sozialistische Regierung Reformen der konservativen Vorgänger rückgängig gemacht. Das hoch verschuldete Land war mit milliardenschwerer Finanzhilfe vor der Pleite bewahrt worden und hatte den EU-Rettungsschirm erst 2014 nach drei Jahren verlassen.

REKORDHOHE FÖRDERUNG: Die 14 Opec-Staaten haben im Juli die Ölfördermenge auf 33,11 Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag gesteigert. Dies ist der höchste Wert seit mindestens 2008. Allein Saudi-Arabien pumpte pro Tag 10,67 Millionen Barrel Rohöl aus dem Wüstensand, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Monatsbericht der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) hervorgeht. Das Überangebot an den Weltmärkten hat dazu geführt, dass sich Öl jüngst wieder verbilligt hat. Der Preis für die richtungsweisende Sorte Brent sank allein im Juli um fast 15 Prozent. Der Verfall schürte Spekulationen, dass die Opec möglicherweise ihre Bemühungen erneuert, eine Drosselung der Produktion zusammen mit anderen Förderstaaten zu erzielen.

MILLIARDENVERLUST: Der grösste deutsche Energiekonzern Eon hat im ersten Halbjahr erneut ein deutliches Minus verbuchen müssen. Grund für den Verlust von drei Milliarden Euro waren Wertberichtigungen und Rückstellungen. Eon hatte zum Jahreswechsel einen grossangelegten Umbau eingeleitet und dazu die neue Tochter Uniper gegründet. Uniper übernahm das Altgeschäft rund um die konventionelle Stromproduktion. Eon konzentriert sich hingegen auf erneuerbare Energien, Energienetze und Kundenlösungen und behält nach Druck aus der Politik auch die Atomsparte. Im September soll Uniper an die Börse gehen - die Vorbereitungen sind laut Eon "voll im Plan". Zuvor aber belastet die Tochter noch die Bilanzen der Mutter. Die Wertberichtigungen auf Kraftwerke und Gasspeicher schlugen den Angaben vom Mittwoch zufolge im ersten Halbjahr mit 2,9 Milliarden Euro zu Buche und die Rückstellungen für drohende Verluste bei Uniper mit 900'000 Euro.

SCHRUMPFENDER GEWINN: Auch wegen drastisch gesunkener Gasexporte in die Ukraine ist der Gewinn des russischen Energieriesens Gazprom im ersten Quartal gesunken. Der Staatskonzern erzielte nach internationalen Rechnungsstandards (IFRS) einen Überschuss von 362,3 Milliarden Rubel, umgerechnet 5,5 Milliarden Franken. Das entspricht einem Minus von 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Wie das Unternehmen mitteilte, erhöhte sich gleichzeitig der Umsatz um fünf Prozent auf 1,737 Billionen Rubel - Medien zufolge unter anderem, weil das Geschäft mit Kunden in der EU gut läuft. Allerdings sei das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) um 24 Prozent auf 443,9 Milliarden Rubel eingebrochen. Die Nettoschulden des Konzerns verringerten sich innerhalb der ersten drei Monate 2016 um 14 Prozent auf 1,78 Billionen Rubel.

HICKHACK: Facebook will künftig Werbeblocker technisch aushebeln. Ein weltweit führenden Anbieter solcher Software übt scharfe Kritik. Wenn Facebook jetzt auch Nutzern von Werbeblockern Werbung aufzwingen wolle, sei dies "ein bedauernswerter Schritt, da hier gegen die Entscheidung der Nutzer gehandelt wird", erklärte Ben Williams, Sprecher des Kölner Unternehmens Eyeo. Eyeo bietet den populären Webeblocker Adblock Plus an. "Die Konsequenzen bleiben vorerst abzuwarten, schliesslich besteht das Katz-und-Maus-Spiel seitdem Spammails gelernt haben Spammail-Filter zu umgehen." Das Aufzwingen von Werbung werde weder für die Nutzer noch für Publisher und Werber einen Mehrwert haben. Facebook hatte angekündigt, Werbeblocker bei der Nutzung des Dienstes auf einem Desktop-Rechner oder Laptop zu umgehen.

(AWP)