Tagesüberblick Wirtschaft

Bern (awp/sda) - Dienstag, 01. November 2016
01.11.2016 17:31

ZWANG ZUM VERZICHT: Das Bankgeheimnis bröckelt nach dem Fall im Ausland auch im Inland. Als erstes Geldhaus der Schweiz zwingt die genossenschaftliche WIR Bank de facto alle ihre Kunden zum Verzicht auf das Bankkundengeheimnis. Für Neukunden gelte dies ab sofort, teilte die Bank in einem Communiqué mit: "Bis Ende 2017 soll zudem von sämtlichen bestehenden Kunden eine Entbindung vom Bankkundengeheimnis vorliegen." Im Rahmen der Weissgeldstrategie habe sich die Bank bereits von den wenigen Auslandskunden verabschiedet, erklärte WIR-Chef Germann Wiggli im Communiqué.

WEITER AUF TALFAHRT: Der Schweizer Detailhandel hat erneut einen Tiefschlag einstecken müssen. Die Umsätze sind im September im Vergleich zum Vorjahr um 2,7 Prozent gesunken. Damit hält die Talfahrt seit Januar 2015 an. Der grösste Teil des Rückgangs ist darauf zurückzuführen, dass die Konsumenten weniger Waren kauften. Real, also Preisveränderungen herausgerechnet, sind die Umsätze der Detailhändler um 2,3 Prozent gesunken. Die Zahlen sind kalenderbereinigt. Der erneute deutliche Knick im September ist auf den Nicht-Nahrungsmittelsektor ohne Treibstoffe zurückzuführen. Hier sackten die Umsätze um 5,8 Prozent ab. Dagegen legten die Umsätze mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren um 0,6 Prozent zu.

IN SCHWUNG: Die Schweizer Wirtschaft nimmt Fahrt auf. So ist im Oktober der Einkaufsmanagerindex um 1,6 Punkte auf 54,7 Zähler angestiegen. Damit notiert der Index auf dem höchsten Stand sei Mai und den elften Monat in Folge oberhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Für die Aufwärtsbewegung verantwortlich ist unter anderem die Produktion, die deutlich gesteigert worden ist, wie Credit Suisse und Procure.ch mitteilten. Die entsprechende Subkomponente sei auf ein Wert angestiegen, der bisher über längere Zeit nur während Boomphasen der Industrie erreicht worden sei.

GEBREMST: Nach der Boomphase im Jahr 2015 erweist sich das laufende Jahr für den Neuwagenmarkt in der Schweiz zäher. Auch im nächsten Jahr dürften die Verkäufe zurückgehen. Das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsinstitut Bakbasel prognostiziert für 2017 einen Rückgang von 3,4 Prozent. Der starke Franken als Folge der Mindestkursaufhebung liess die Preise für Neuwagen im Jahr 2015 purzeln. Autokäufer haben zugeschlagen und ihre Beschaffungen vorgezogen. Mit Ausnahme vom September sind seit März des laufenden Jahren die Absatzzahlen jedoch rückläufig. Auf Quartalsbasis hat sich der Verkaufsrückgang beschleunigt. Für das Jahr 2016 erwarten die Ökonomen von Bakbasel einen Rückgang von 3,7 Prozent auf 312'000 neue verkaufte Autos. Die vorgezogenen Autokäufe werden im nächsten Jahr die Absatzzahlen weiter bremsen.

VERLÄNGERTE OFFERTE: ChemChina hat das rund 43 Milliarden Dollar schwere Übernahmeangebot für den Basler Agrochemiekonzern Syngenta erneut verlängert. Die Kaufofferte gilt nun bis zum 5. Januar 2017. Sie kann aber erneut verlängert werden. Noch lägen nicht alle behördlichen Bewilligungen vor, begründete der chinesische Staatskonzern den Aufschub. Nach aktuellem Stand hätte die Angebotsfrist am 8. November enden sollen. Es handelt sich damit um die bereits vierte Verlängerung des Übernahmeangebotes. ChemChina betonte, dass Verlängerungen des Angebots erwartet werden können, bis alle Bedingungen der Offerte erfüllt sind und alle regulatorischen Genehmigungen vorliegen. Die Übernahmekommission (UEK) stimmte weiteren Verlängerungen der Angebotsfrist bis längstens 28. April 2017 zu.

TIEFERER ÜBERNAHMEPREIS: Die Vermögensverwalterin EFG International hat die Akquisition der Tessiner BSI von BTG Pactual zu einem vorläufigen Kaufpreis von 1,06 Milliarden Franken abgeschlossen. Der nun bezahlte Preis liegt um 217 Millionen Franken tiefer als bei der Übernahme im Februar angekündigt worden war. Die "vorläufigen Anpassungen nach unten" gründen auf den aktuellen Geschäftszahlen von BSI. Alleine seit Mitte des Jahres sind die verwalteten Vermögen von BSI von 76,0 Milliarden auf 69,0 Milliarden Franken gesunken. Der finale Preis für den Kauf von BSI werde noch einem abschliessenden Audit unterzogen, teilte EFG International mit. EFG International übernimmt gemäss Mitteilung mit sofortiger Wirkung die vollständige Kontrolle von BSI. Thomas A. Müller wurde zum Chef von BSI ernannt.

KUONI-AKTIEN DEKOTIERT: Die Aktien des Reiseunternehmens Kuoni verschwinden von der Schweizer Börse. Alle sich im Publikum befindenden B-Namenaktien werden gestützt auf ein Urteil des Handelsgerichts des Kanton Zürichs für kraftlos erklärt. Letzter Handelstag an der Börse ist der 9. November 2016. Den verbliebenen Minderheitsaktionären der kraftlos erklärten Aktien werde eine Abfindung in der Höhe 370 Franken netto je Aktie ausbezahlt. Dies entspricht der Höhe des öffentlichen Kaufangebots durch die Kiwi Holding.

JA ZUR FUSION: Die Aktionärinnen und Aktionäre der Arbonia-Forster-Holding (AFG) haben an einer ausserordentlichen Generalversammlung Ja zur Fusion mit der Industriegruppe Looser gesagt. Die a.o. Generalversammlung des Bauzulieferers stimmte dabei unter anderem im Hinblick auf die Fusion der Schaffung eines genehmigten Kapitals im Umfang von 87,8 Millionen Franken zu. Drei weitere bewilligte Anträge standen ebenfalls im Zusammenhang mit der Looser-Übernahme, deren Vollzug auf Mitte Dezember geplant ist. Die Aktionäre genehmigten die Änderung des Firmennamens in "Arbonia AG", die Wahl von Rudolf Huber und Thomas Lozser in den AFG-Verwaltungsrat sowie die Erhöhung der maximalen Gesamtvergütung des Verwaltungsrats für das Amtsjahr 2016/2017.

STEIGENDES RISIKO: Italien sinkt in der Gunst von Anlegern. Nachdem europäische Krisenherde wie Portugal und Spanien aus dem Weg geräumt wurden, wuchsen die Sorgen vor den politischen und wirtschaftlichen Risiken im hochverschuldeten Italien. Anleger trennten sich von italienischen Anleihen, im Gegenzug zogen die Renditen der Papiere deutlich an. Anleger sind verunsichert, ob die Rettung der Krisenbank Monte dei Paschi di Siena gelingt. Zudem steigt die Nervosität vor dem Referendum über eine Verfassungsreform am 4. Dezember.

2000 JOBS WENIGER: Der Nachrichten- und Datenanbieter Thomson Reuters will den Konzern verschlanken und baut dazu weltweit 2000 Jobs ab. Die Stellenstreichungen beträfen 150 Standorte in 39 Ländern, hiess es in einem Brief an die Mitarbeiter. Nicht betroffen seien die Journalisten der Nachrichtenagentur. Der Umbau werde die Bilanz des Unternehmens mit bis zu 250 Millionen Dollar belasten. Insgesamt arbeiten bei dem Konzern 48'000 Menschen. Der Umsatz von Thomson Reuters stieg im dritten Quartal um ein Prozent auf 2,74 Milliarden Dollar. Der Überschuss fiel auf 286 Millionen Dollar nach 293 Millionen im Vorjahreszeitraum. Thomson Reuters bekräftigte die Prognose, im Gesamtjahr die Erlöse um einen niedrigen einstelligen Prozentsatz steigern zu wollen.

IRRITATIONEN IN PEKING: Irritationen haben den Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel in China überschattet. Überraschend sagte der chinesische Handelsminister Gao Hucheng nach einem Gespräch mit Gabriel in Peking seine Teilnahme an einer Sitzung des deutsch-chinesischen Wirtschaftsausschusses ab. Präsident Li Keqiang empfing den deutschen Vizekanzler anschliessend wie geplant. Hintergrund der Verstimmung in Peking ist der Widerstand in Deutschland gegen chinesische Übernahmen von Hightech-Firmen. Vizeministerin Gao Yan, die den Handelsminister in dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuss vertrat, beklagte in ihrer Auftaktrede eine "investitionsfeindliche Stimmung" in Deutschland.

STEIGENDE PRODUKTION: Gutes Signal für die chinesische Wirtschaft: Der von Investoren mit grosser Aufmerksamkeit beobachtete Einkaufsmanager-Index (PMI) stieg im Oktober auf 51,2 Punkte und damit den höchsten Wert seit Juli 2014. Der Wert überstieg die Erwartungen der Analysten deutlich; sie hatten im Schnitt mit 50,3 Punkten gerechnet. Im September waren 50,4 Punkte erreicht worden. Der PMI stützt sich vor allem auf Angaben von Einkaufsmanagern und spiegelt die Aktivität in Fabriken und Manufakturen wieder. Werte oberhalb von 50 zeigen eine Zunahme der wirtschaftlichen Aktivitäten an, Werte darunter stehen für ein Schrumpfen. Investoren gilt der Index als Frühindikator für den Zustand der chinesischen Wirtschaft.

KURS BEIBEHALTEN: Japans Zentralbank wird die Geldschleusen vorerst nicht weiter öffnen. Das entschied die Bank of Japan (BoJ) nach dem Abschluss zweitägiger Beratungen. Der Strafzins für einige Einlagen von Finanzinstituten bleibt bei minus 0,1 Prozent. Er soll helfen, mehr Kredite auszureichen und so für Preisauftrieb zu sorgen. Zugleich bekräftigten die Währungshüter ihr Programm zum Ankauf von Anleihen und Wertpapieren von jährlich 80 Billionen Yen (umgerechnet rund 756 Milliarden Franken). Die Notenbank senkte zudem ihre Inflationsprognose für das nächste Fiskaljahr bis Ende Mär 2018 auf 1,5 Prozent von 1,7 Prozent.

WIEDER GEWINN: Der Sparkurs beim japanischen Display-Hersteller Sharp zahlt sich aus. Erstmals seit drei Jahren rechnet das Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr wieder mit einem Gewinn. In den zwölf Monaten bis Ende März 2017 will der Konzern nach eigenen Angaben umgerechnet 223 Millionen Euro verdienen, nach einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Im zweiten Quartal ging der Gewinn jedoch um fast ein Drittel auf 22 Millionen Euro zurück. Sharp war wegen der scharfen Konkurrenz in der Branche in Schieflage geraten und musste mit einem 3,3 Milliarden Euro schweren Einstieg des taiwanischen Apple-Zulieferers Foxconn vor dem Kollaps bewahrt werden. Etwa 6000 Stellen wurden gestrichen und Verluste schreibende Fernseher-Fabriken in Nordamerika verkauft.

STÄRKERES WACHSTUM: Die US-Industrie hat im Oktober etwas stärker als erwartet an Fahrt gewonnen. Der Einkaufsmanagerindex legte zum Vormonat um 0,4 Punkte auf 51,9 Zähler zu, wie aus der Firmenumfrage des Institute for Supply Management (ISM) hervorgeht. Das Barometer liegt damit deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Ökonomen hatten lediglich mit einem Anstieg auf 51,7 Zähler gerechnet. Die US-Wirtschaft legte im dritten Quartal mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 2,9 Prozent zu und hat damit ihr Wachstum im Vergleich zum Frühjahr mehr als verdoppelt.

SHELL STEIGERT GEWINN: Der Ölkonzern Royal Dutch Shell hat dank einer höheren Produktion im Zuge der Übernahme von BG und dank Sparmassnahmen den Gewinn deutlich gesteigert. Unter dem Strich verdiente der britisch-niederländische Konzern im dritten Quartal 1,45 Milliarden US-Dollar. Vor einem Jahr hatten hohe Wertberichtigungen noch für einen Verlust mehr als 6 Milliarden Dollar gesorgt.

GEWINNEINBRUCH: Der britische Ölkonzern BP hat seinen Gewinn halbiert. Im dritten Quartal erzielte der Konzern unterm Strich einen Profit von 933 Millionen US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum hatte das Unternehmen noch 1,8 Milliarden Dollar Gewinn verzeichnet. Als Gründe für den Einbruch nannte BP den niedrigen Ölpreis und kleinere Gewinnspannen. Positiv wirkten sich eine verbesserte Kostenposition und steuerliche Effekte aus.

SCHULDSCHEINE STATT BARES: Wegen des Mangels an US-Dollar-Banknoten will Zimbabwe noch vor Jahresende Schuldscheine als Parallelwährung einführen. Das Land im Süden Afrikas erhofft sich davon eine Stabilisierung seiner angeschlagenen Wirtschaft. Zimbabwe nutzt seit 2009 vor allem den US-Dollar. Die Landeswährung wurde abgeschafft, nachdem eine verheerende Wirtschaftskrise zu einer galoppierenden Hyperinflation geführt hatte. Weil die Exporte des Landes zuletzt zurückgingen, gibt es seit Monaten nicht mehr genug Bargeld. Lange Schlangen vor Geldautomaten gehören zum Alltag. Oft geben Automaten nur maximal 50 US-Dollar pro Tag und Kunde heraus.

(AWP)