Tagesüberblick Wirtschaft

Dienstag, 13. Juni 2017
13.06.2017 17:54

VERFAHREN GEGEN LAFARGEHOLCIM: (Paris) Die Affäre um Schutzgeldzahlungen im syrischen Bürgerkrieg hat für den Zementriesen LafargeHolcim ein juristisches Nachspiel. Frankreich hat im Zusammenhang mit den Geschäften des Weltmarktführers in Syrien eine Rechtsuntersuchung eröffnet. Ein mit Anti-Terror-Themen betrauter Richter und zwei auf Finanzfragen spezialisierte Richter arbeiten an dem Fall, bestätigte die Staatsanwaltschaft Paris. Im Mittelpunkt stehe der Vorwurf der "Finanzierung von terroristischen Vorhaben" und die Gefährdung von Leben. Untersucht würden auch die Verbindungen des schweizerisch-französischen Konzern mit mehreren Gruppen in Syrien, einschliesslich dem Islamischen Staat, um trotz des Krieges die Aktivitäten im Land aufrecht zu erhalten. Das Werk in Syrien hatte der französischen Lafarge gehört, die sich 2015 mit der Schweizer Holcim zusammenschloss.

AUSLÄNDER MACHEN KASSE: (Zürich) Während die traditionellen Läden leiden, ist der Onlinehandel in der Schweiz im vergangenen Jahr kräftig weitergewachsen. Dabei profitieren ausländische Anbieter am meisten. Sie haben in etwa doppelt so stark zugelegt wie inländische. Die seit Jahren anhaltenden Marktanteilsverluste an ausländische E-Commerce-Anbieter sind bedenklich, bilanziert der "E-Commerce Report 2017". Im Internethandel ist der Anteil der ausländischer Unternehmen bereits doppelt so hoch wie im traditionellen Detailhandel. Insgesamt haben Schweizer im vergangenen Jahr Onlinebestellungen im Volumen von 8,05 Milliarden Franken getätigt. Das sind 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Knapp ein Fünftel der Schweizer E-Commerce-Ausgaben gehen mittlerweile an ausländische Anbieter. Der Wert der Schweizer E-Commerce-Ausgaben hat sich seit 2012 verdoppelt.

KLAGE GEGEN VOLKSWAGEN: (Bern) Im Kampf um eine faire Entschädigung von Betrugsopfern im VW-Abgas-Skandal geht die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) einen Schritt weiter: Die SKS will rechtliche Schritte einleiten und hat sich dazu europaweit vernetzt. Ziel ist es, dass geschädigte Autobesitzer in Europa gleich behandelt werden wie in den USA. Dort haben VW-Kunden einen Schadenersatz von bis zu 10'000 Dollar erhalten oder ihr Fahrzeug zurückgeben können. Zuvor versuchte die Stiftung, über aussergerichtliche Vergleichsverhandlungen Entschädigungen zu erlangen. VW habe laut SKS aber jedes Verhandlungsgespräch verweigert.

RESISTENTE UNTERNEHMEN: (Zürich) Politische Entscheide wie der Brexit oder die Wahl von Donald Trump und Emmanuel Macron dominieren zwar die Medien, aber auf die Investitionsentscheide der Unternehmen haben sie wenig Einfluss. Dies geht aus dem jüngsten "Monitor Schweiz" der Credit Suisse hervor. Wesentlich zur Besonnenheit der Unternehmen trügen die Devisenmarktinterventionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) bei. "Die Unternehmen wissen, dass sie auf Schützenhilfe der SNB zählen können", sagte CS-Ökonom Claude Maurer. Die SNB reagiere auf politische Unsicherheiten und mildere deren Einfluss auf die Realwirtschaft. Die CS-Ökonomen halten an ihrer Wachstumsprognose von 1,5 Prozent für 2017 und 1,7 Prozent für 2018 fest und bleiben "moderat optimistisch". Das schwache Wachstum im 1. Quartal sollte nicht überbewertet werden.

ETWAS BESSERE AUSSICHTEN: (Zürich) Die Beschäftigungsaussichten für das dritte Quartal stimmen etwas zuversichtlicher. Die grosse Mehrheit der Schweizer Arbeitgeber geht zwar weiter von einer gleichbleibenden Beschäftigung aus. Aber immerhin 7 Prozent von ihnen rechnen mit einem Personalanstieg. 3 Prozent der Arbeitgeber erwarten im bevorstehenden Quartal einen Personalrückgang, wie einer Mitteilung des Arbeitsvermittlers Manpower zu entnehmen ist. Für das Arbeitsmarktbarometer wurden zwischen dem 19. April und dem 2. Mai 2017 rund 750 Schweizer Arbeitgeber befragt. Die aus der Differenz zwischen der Anzahl Arbeitgeber mit positiven Erwartungen und jenen mit negativen Erwartungen errechnete Netto-Arbeitsmarktprognose liegt damit bei 4 Prozent. Das entspricht einem Anstieg um 3 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorquartal und um 4 Prozentpunkte im Jahresvergleich.

WENIGER OPTIMISTISCH: (Basel) Aufgrund eines verhaltenen Jahresauftakts revidieren die Konjunkturforscher der BAK Basel ihre Wachstumsprognosen für die Schweiz für 2017 nach unten. Neu rechnen sie mit einem BIP-Wachstum von 1,4 Prozent statt wie noch im März von 1,6 Prozent. Weiterhin bei 1,8 Prozent liegt die Wachstumsprognose für das kommende Jahr, wie BAK Basel mitteilte. In ihrer Begründung stellen die Ökonomen fest, dass im ersten Quartal die Schweizer Wirtschaft trotz exzellenter Stimmungsindikatoren lediglich um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal expandiert sei. Der Hauptgrund dafür sehen sie darin, dass ein substantieller Teil der Nachfrage bisher aus Lagern bedient wurde. Ohne diesen Lagereffekt wäre laut BAK Basel das BIP deutlich kräftiger angestiegen. In den nächsten Quartalen werde es wohl gewisse Gegeneffekte geben.

BASILEA ERHÄLT GELD: (Basel) Das Biopharma-Unternehmen Basilea erhält von der US-Behörde BARDA (Biomedical Advanced Research and Development Authority) zusätzliche 54,8 Millionen Dollar für die Finanzierung des Phase-III-Programms mit Ceftobiprol. Die Abteilung innerhalb des US-Gesundheitsministeriums habe im Rahmen der bestehenden Vereinbarung mit Basilea zwei weitere Vertragsoptionen ausgeübt, teilte das Unternehmen mit. Das gesamte Vertragsvolumen beläuft sich potenziell auf bis zu rund 108 Millionen Dollar und ermöglicht Basilea die Durchführung von zwei klinischen Phase-III-Programmen. In den Studien soll das Antibiotikum Ceftobiprol bei der Behandlung von Blutbahninfektionen sowie akuten bakteriellen Haut- und Hautstrukturinfektionen getestet werden.

GESUCH EINGEREICHT: (Bellinzona) Die Betreibergesellschaft des Tessiner Ritom-Stausees hat das Baugesuch für ein neues Wasserkraftwerk veröffentlicht. Der Neubau soll die alte Anlage aus dem Jahr 1917 ersetzen, die von der SBB errichtet wurde. Mit dem Bauprojekt in der Leventina sollen zwei neue Turbinen entstehen, die jeweils über eine Leistung von 60 Megawatt verfügen, wie Ritom am Dienstag mitteilte. An dieser 2015 gegründeten Gesellschaft sind zu 75 Prozent die SBB und zu 25 Prozent der Kanton Tessin über den Anbieter AET beteiligt. Dank des neuen Kraftwerks könne die SBB den Energiebedarf decken, der bis 2030 noch weiter ansteigen werde - ausserdem könne das Bahnnetz im Tessin so unabhängig versorgt werden, was vor allem bei Notfällen im Gotthard-Basistunnel von Vorteil sei.

EIN WEITERES JAHR: (Zürich) Die Ära der ultratiefen Zinsen in der Schweiz dürfte nach Einschätzung von Experten noch mindestens ein Jahr andauern. Gemäss einer Reuters-Umfrage erwarten alle befragten 39 Analysten, dass die Währungshüter am Donnerstag die Füsse stillhalten dürften. Bei ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung dürfte die Schweizerische Nationalbank (SNB) das Zielband für den Referenzzins Dreimonats-Libor unverändert bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent belassen. Der Strafzins, den Banken für ihre Einlagen bei der SNB zahlen müssen, dürfte bei minus 0,75 Prozent verharren. Erst im Juni kommenden Jahres rechnen einzelne Experten mit einer zaghaften Zinsanhebung. Das Gros der Analysten geht jedoch bis Ende 2018 von unverändert niedrigen Zinsen aus.

MEHR UNGLEICHHEIT: (Berlin) Die Schere zwischen Arm und Reich geht in den Ländern der OECD immer weiter auf. Für Menschen mit mittlerer Qualifikation wird die Luft am Jobmarkt dünner - auch in der Schweiz. "Die Einkommensungleichheit ist beispiellos im Moment und gefährdet den sozialen Zusammenhalt", sagte OECD-Generalsekretär Ángel Gurría bei einer Konferenz der Organisation in Berlin. Der Anteil der Jobs für Arbeitskräfte mit mittlerer Qualifikation fiel zwischen 1995 und 2015 um 9,5 Prozentpunkte im Durchschnitt der 35 OECD-Staaten. Dafür gibt es mehr Jobs für Hoch-, aber auch für Geringqualifizierte. Viele Fabrikarbeiter hätten schlechter bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor annehmen müssen, so die OECD. In der Schweiz wuchs das Jobangebot für Hochqualifizierte von allen OECD-Staaten am stärksten - der relative Anteil nahm um mehr als 15 Prozent zu. Gleichzeitig nahm zwischen 1995 und 2005 der Anteil Jobs für durchschnittlich Qualifizierte um mehr als 15 Prozent ab.

AUFSCHWUNG IN SPANIEN: (Madrid) Die Wirtschaftsperspektiven in Spanien hellen sich nach Einschätzung der Notenbank in Madrid immer weiter auf. Das Wachstum dürfte 2017 bei 3,1 Prozent liegen, wie die Zentralbank mitteilte. Sie hatte im April lediglich ein Plus von 2,8 Prozent vorhergesagt. Zum Jahresauftakt hatte die Konjunktur vom starken Aussenhandel profitiert. Nächstes Jahr soll der Aufschwung anhalten: Die Notenbank geht mittlerweile von einem Zuwachs beim Bruttoinlandprodukt von 2,5 Prozent aus, nachdem sie zunächst nur ein Plus von 2,2 Prozent veranschlagt hatte.

STEIGENDE INFLATIONSRATE: (London) Die Inflation in Grossbritannien ist vor Beginn der Brexit-Gespräche weiter auf dem Vormarsch. Die Preise stiegen im Mai zum Vorjahr um 2,9 Prozent. Experten hatten lediglich mit einem Wert von 2,7 Prozent gerechnet. Die Teuerung ist nun so hoch wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Die Inflation zieht schon seit längerem an. Hintergrund ist die Abwertung des Pfunds, nachdem sich die Bevölkerung im Juni 2016 mehrheitlich für einen Austritt aus der EU ausgesprochen hatte. Dadurch werden importierte Waren teurer, wodurch die Inflation angeheizt wird. Sie ist nun weit stärker als der britischen Notenbank lieb ist, die eine Inflationsrate von zwei Prozent anstrebt. Die Bank of England (BoE) entscheidet am Donnerstag wieder über den Leitzins, den sie zuletzt im August 2016 nach dem Brexit-Schock auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gekappt hat.

ZIEL IN FERNE: (Paris) Die französische Regierung rechnet offenbar nicht mit einer Einhaltung des Defizitziels in diesem Jahr. Es gebe ein "extrem grosses Risiko", dass das Ziel einer Neuverschuldung von 2,8 Prozent nicht eingehalten werde, sagte Premierminister Edouard Philippe im Sender France Info. Grund seien zusätzliche Ausgaben, die die Vorgängerregierung unter Staatschef François Hollande zu Jahresbeginn beschlossen hatte. Frankreich hatte eigentlich in diesem Jahr unter die EU-Defizitobergrenze von drei Prozent kommen wollen - zum ersten Mal seit zehn Jahren. Im vergangenen Jahr lag die Neuverschuldung bei 3,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die EU-Kommission hat dem Land wiederholt Aufschub gewährt, um die Defizitvorgaben wieder zu erreichen. Der neue Staatschef Emmanuel Macron hat eine Einhaltung der EU-Vorgaben versprochen.

WENIGER HAVARIEN: (München) Die Schifffahrt ist so sicher wie noch nie. 2016 gingen weltweit 85 Schiffe verloren, wie die Allianz-Spezialversicherungsgesellschaft AGCS am Dienstag in München mitteilte. Das sind 16 Prozent weniger als im Vorjahr und nur halb so viele wie noch vor zehn Jahren. In der Mehrzahl der Fälle sind die Schiffe gesunken, oft bei schwerer See. Sie können aber auch ausgebrannt sein oder nach einer Havarie so stark beschädigt, dass sie verschrottet werden müssen. Die Zahl der Schiffsunglücke verringerte sich ebenfalls leicht um vier Prozent auf 2611. Jedoch ist die Schifffahrt mit neuen Risiken konfrontiert. Dazu zähle vor allem die wirtschaftliche Notlage der Branche. Insolvenzen nehmen zu und bei hohen Schulden und sinkenden Erträgen versuchten Reedereien, die Kosten für Wartung, Schulung und Besatzungsstärke zu senken.

(AWP)