Tagesüberblick Wirtschaft

Freitag, 16. Juni 2017
16.06.2017 17:35

HOCHPREISINSEL SCHWEIZ: (Brüssel/Bern) Konsumenten in der Schweiz zahlen weiterhin die höchsten Lebensmittelpreise Europas. Auch Hotels und Restaurants sind nirgendwo teurer. Generell liegen die Preise hierzulande 61 Prozent über dem EU-Niveau. Die drei teuersten Länder Europas befinden sich alle ausserhalb der EU. Hinter der Hochpreisinsel Schweiz folgen Island und Norwegen. Konsumgüter und Dienstleistungen waren dort 2016 im Schnitt 47 beziehungsweise 40 Prozent teurer als in der Union, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat errechnet hat.

SIX VERLAGERT STELLEN: (Zürich) Die Börsenbetreiberin SIX Group will sparen und verlagert deshalb 100 Stellen in ein bereits bestehendes Service Zentrum in der polnischen Hauptstadt Warschau. "Wir sind derzeit in Abklärung, welche Tätigkeiten wir ab Ende 2018 von Warschau aus durchführen werden", bestätigte ein Sprecher der SIX Group eine entsprechende Meldung des "Tages-Anzeiger". Der Sprecher macht denn auch keine Angaben dazu, wie viele Mitarbeitende betroffen sind. Aus Sicht der SIX Group soll es nicht zu Entlassungen kommen, auszuschliessen sei es jedoch nicht. Bereits heute arbeiten für die SIX Group in Warschau 60 Mitarbeitende. Dereinst sollen es 160 Stellen werden.

IDORISA-AKTIEN GEFRAGT: (Allschwil BL) Die Aktien des neuen Pharmaunternehmens Idorsia sind beim Börseneintritt mit einem Kurs von 10 Franken gestartet und in den ersten Minuten bereits um einen Franken angestiegen. Idorsia ist damit rund 1,2 Milliarden Franken wert. Zwischenzeitlich erreichten die Titel ein Tageshoch von 14 Franken. Bis Handelsschluss waren sie 13,30 Franken wert. Idorsia wurde vom Basler Biotechunternehmen Actelion ausgegliedert, damit der US-Konzern Johnson und Johnson Actelion übernehmen kann. J&J finanziert die Firma unter der Leitung von Actelion-Gründer Jean-Paul Clozel mit einer Milliarden Franken.

KRITISCHERE AKTIONÄRE: Die Verwaltungsräte der Schweizer Unternehmen sehen sich bei Vergütungsanträgen zunehmendem Gegenwind ausgesetzt. So ist an den Generalversammlungen in diesem Jahr der Anteil der ablehnenden Stimmen weiter angestiegen. An den Generalversammlungen 2017 der 100 grössten Unternehmen des Aktienindex SPI lehnten 14,6 Prozent der Aktionäre im Median den Vergütungsbericht ab. Das ist gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 2,3 Prozentpunkte. Besonders kritisch zeigten sich die Aktionäre bei den Unternehmen, die nicht zu den ganz grossen zählen. So wurden die Vergütungsberichte bei Nicht-SMI-Unternehmen im Median von 16,3 Prozent der Aktionärsstimmen abgelehnt.

75. JAHRE BALTENSPERGER: (Bern) Bald zehn Jahre nach der globalen Finanzkrise sollten nach Ansicht des Zürcher Ökonomen Ernst Baltensperger die Notenbanken schneller aus ihrer expansiven Geldpolitik aussteigen. Nichts hält er von einer "Feinsteuerung" der Märkte, diese führe nur zu Desinformationen. Es sei wichtig, dass die Zentralbanken ihre Politik kommunizierten. Dabei sollten sie sich aber auf die grundsätzlichen Ziele beschränken, betonte der renommierte Geldtheoretiker anlässlich einer Veranstaltung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zu seinem bevorstehenden 75. Geburtstag. Baltensperger war von 1984 bis 2007 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern. Baltensperger war insbesondere in den 1970er und 1990er wiederholt Berater der SNB.

ZAHLUNGSFRISTEN VERKÜRZT: (Zürich) Die Unternehmen in der Schweiz bitten ihre Kunden schneller zur Kasse. Sie haben gemäss einer Umfrage die Zahlungsfristen für sämtliche Kundengruppen verkürzt. Die Zahlungsmoral hat darunter nicht gelitten. Vor einem Jahr gewährten Schweizer Unternehmen Privatkunden im Durchschnitt eine Zahlungsfrist von 27 Tagen. Heute fordern sie diese auf, innert 26 Tagen zu zahlen, wie eine Umfrage von Intrum Justitia zeigt. Die Kundschaft hat offenbar diese Änderungen ohne Murren akzeptiert. So zahlen Privatkunden und Geschäftskunden im Durchschnitt nach wie vor 4 respektive 7 Tage nach Ablauf der Frist die Rechnung.

AMAZON KAUFT EIN: (Seattle) Amazon steigt gross in den stationären Lebensmittelhandel in den USA ein. Der weltgrösste Online-Händler übernimmt die Bio-Kette Whole Foods Market für rund 13,7 Milliarden Dollar. In diesem Kaufpreis sind auch die Schulden des Lebensmittelhändlers enthalten. Whole Foods Market setzt auf Bio-Lebensmittel. Die Kette erwirtschaftete nach eigenen Angaben 2016 einen Umsatz von rund 15,7 Milliarden Dollar. Amazon hatte in den vergangenen Jahren stationäre Händler stark unter Druck gesetzt. Der Konzern zeigte zuletzt aber immer mehr Interesse am Einstieg ins das Geschäft.

GUTE VERKÄUFE: (London) Die grösste britische Supermarktkette Tesco hat dank florierender Lebensmittelgeschäfte auf ihrem Heimatmarkt das stärkste Umsatzwachstum der letzten sieben Jahre verbucht. Im Zeitraum März bis Mai stieg der Umsatz auf der Insel um 2,3 Prozent. Weltweit legte Tesco zum Auftakt des Bilanzjahres 2017/18 allerdings nur um ein Prozent zu. Vor allem um sechs Prozent gesunkene Erlöse in Asien belasteten. Gleichwohl bezeichnete Tesco-Chef Dave Lewis den Start ins Jahr als gut und verwies auf den scharfen Wettbewerb. Lewis hatte Tesco einen Konzernumbau verschrieben, nachdem Konkurrenten wie Lidl und Aldi in den vergangenen Jahren für zunehmenden Preisdruck gesorgt hatten. Zudem rüsten sich die Briten mit der 4,3 Milliarden Euro teuren Übernahme des Grosshändlers Booker gegen die Wettbewerber.

OK FÜR CHEMIERIESENFUSION: (Washington) Die US-Behörden haben grünes Licht für die Fusion der beiden US-Chemieriesen Dow Chemical und DuPont gegeben. Bedingung ist der Verkauf einiger Unternehmensteile, wie das Justizministerium in Washington mitteilte. Die EU-Kommission und die chinesischen Kartellbehörden hatten bereits zugestimmt. DuPont und Dow Chemical erklärten, die Übernahme könne nun wie geplant im August vollzogen werden. DowDuPont, so der neue Name, soll in den 18 Monaten nach der Übernahme dann in drei grosse unabhängige Gesellschaften aufgeteilt werden.

RENAULT-CHEF AUSGEBREMST: (Paris) Die Aktionäre von Renault-Nissan haben Konzernchef Carlos Ghosn einen Denkzettel verpasst: Ghosns Vergütung für das vergangene Jahr wurde nur mit knapper Mehrheit gebilligt. Bei einer Aktionärsversammlung am Donnerstag sprachen sich 53 Prozent dafür aus, während 47 Prozent mit Nein votierten. Dem Spitzenmanager stehen 7,06 Millionen Euro zu. Die Vergütung von Managern des französisch-japanischen Autokonzerns ist eine heikle Angelegenheit. In dieser Woche wurde bekannt, dass der Konzern erwägt, Ghosn und anderen Spitzenmanagern mehrere Millionen Euro zusätzlich über eine speziell dafür geschaffene Dienstleistungsfirma zukommen zu lassen. Dazu sagte der gebürtige Brasilianer nun, es handle sich nur um einen Vorschlag eines Beraters, der nicht umgesetzt werde.

WECHSEL IN DER FÜHRUNG: (New York/London/Sydney) Der weltgrösste Bergbaukonzern BHP Billiton vollzieht einen Wechsel an der Konzernspitze und kommt damit dem aktivistischen Hedgefonds Elliott entgegen. Vom 1. September an übernimmt Ken MacKenzie den Vorsitz des Verwaltungsrates. Der 53-jährige folge auf Jacques Nasser, der ausscheide, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Hedgefonds, die den Rohstoffkonzern seit längerem unter Druck setzen, hatten MacKenzie favorisiert. Der von dem Milliardär Paul Singer kontrollierte Hedgefonds Elliott Management hatte BHP aufgefordert, sich vom Ölgeschäft in den USA zu trennen, das einen Wert von rund 22 Milliarden Dollar haben soll. BHP lehnte einen Verkauf ab. Singer forderte zudem, dass der Konzern seine Dividenden erhöhen und die Doppelstruktur aus zwei börsenkotierten Unternehmen in London und Sydney auflösen solle.

TAKATA IN SCHIEFLAGE: (Tokio) Der angeschlagene japanische Automobilzulieferer Takata steht wegen den Folgen eines gewaltigen Rückrufdesasters kurz vor dem Aus. Wie die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei" und die Agentur Kyodo unter Berufung auf Quellen berichteten, könnte Takata möglicherweise noch Ende dieses Monats vor Gericht Insolvenz beantragen. Angesichts gewaltiger Verbindlichkeiten in Höhe von mehr als einer Billion Yen (rund 8,8 Milliarden Franken) wäre dies die grösste Pleite eines Produktionsunternehmens in der japanischen Nachkriegsgeschichte. Defekte Airbags von Takata machen der Automobilindustrie schon seit Jahren zu schaffen. Die Mängel haben allein in den USA zum Rückruf von fast 70 Millionen Airbags geführt und werden für den Tod von mindestens 16 Menschen verantwortlich gemacht.

4,8 MILLIONEN JOBS: (Berlin) Die wegen ihrer Exportstärke in der Kritik stehende deutsche Wirtschaft sichert einer Studie zufolge 4,8 Millionen Arbeitsplätze in anderen EU-Ländern. Grund dafür ist die deutsche Nachfrage nach Vorleistungen und Industriegütern. "Die Kritik, wonach die Stärke der deutschen Industrie zulasten anderer Staaten in der EU geht, ist völlig unbegründet", sagte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt. Er hatte die am Freitag veröffentlichte Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos in Auftrag gegeben. Deutschland steht wegen seiner enormen Exportüberschüsse am Pranger. Der Leistungsbilanzüberschuss liegt seit Jahren deutlich über der Marke von sechs Prozent des Bruttoinlandproduktes, die die EU-Kommission noch für akzeptabel hält. Auch US-Präsident Donald Trump ist dies ein Dorn im Auge.

TEMPO ERHÖHT: (Brüssel) Nach dem Rückschlag im vergangenen Monat hat der europäische Automarkt im Mai wieder an Schwung gewonnen. Die Zulassungen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 7,6 Prozent auf insgesamt knapp 1,4 Millionen Autos, wie der Branchenverband Acea in Brüssel mitteilte. Damit sei fast der Wert vom Mai 2007 erreicht worden, bevor die schwere Finanzkrise die Autobranche getroffen hatte. Vier der fünf grossen Märkte hätten nun zugelegt, hiess es weiter. Darunter habe allein Grossbritannien mit einem Rückgang der Neuzulassungen um 8,5 Prozent geschwächelt. Am besten habe Deutschland mit einem Plus von 12,9 Prozent abgeschnitten, gefolgt von Spanien mit einem Anstieg um 11,2 Prozent. In Frankreich seien 8,9 Prozent und in Italien 8,2 Prozent mehr Autos zugelassen worden.

UBER VERKLAGT: (San Francisco) Im Zusammenhang mit einem Vergewaltigungsfall im Jahr 2014 hat eine US-Bürgerin Klage gegen den Fahrdienstanbieter Uber wegen Verleumdung und Verletzung der Privatsphäre erhoben. Die Texanerin hatte bereits gegen Uber geklagt, nachdem sie 2014 von einem Fahrer des Online-Dienstes in Indien vergewaltigt worden war. Der Angreifer wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In der neuen Klage wird den Uber-Managern vorgeworfen, sie hätten die Vergewaltigung "doppelzüngig" in der Öffentlichkeit verurteilt, aber gleichzeitig versucht, an ärztliche Untersuchungsberichte der Frau zu gelangen, wie es in den Unterlagen heisst.

STREIKS BEI AIRLINES: (London) Wegen eines Streiks im Flugverkehr hat die italienische Fluggesellschaft Alitalia am Freitag 160 ihrer insgesamt 620 Flüge gestrichen. Alle interkontinentalen Verbindungen seien aber garantiert worden, teilte die Airline mit. Das Personal der Alitalia streikte von 10.00 bis 14.00 Uhr. Auch das Kabinenpersonal von British Airways will für gut zwei Wochen streiken. Die Arbeitsniederlegung soll am 1. Juli beginnen und bis 16. Juli dauern, wie die Gewerkschaft Unite mitteilte. Im Kern handelt es sich um einen andauernden Streit über die Bezahlung der Mitarbeiter der grössten britischen Fluggesellschaft.

(AWP)