Ein Schmetterling aus dem Süden fliegt nun an der Nordsee

Der Karstweissling, ein ursprünglich in Südeuropa heimischer Tagfalter, hat sich innert kurzer Zeit bis zur Nordsee verbreitet. Das sei ein spektakuläres Beispiel für die Folgen des Klimawandels, sagt Hans-Peter Wymann.
27.07.2017 16:40

Der Schmetterlingskenner arbeitet beim Naturhistorischen Museum Bern. Das Haus weist in einem Communiqué vom Donnerstag darauf hin, dass der Karstweissling einer von 200 Tagfaltern in der Schweiz ist. Darunter sind zehn wärmeliebende Arten, die ihr Verbreitungsareal in den letzten Jahren teilweise markant nach Norden erweitert haben.

Den Karstweissling Pieris mannii kannte man früher nur im Wallis und im südlichen Tessin. Zudem gab es vor langer Zeit einige Funde aus der Region Genf. Nie aber wurde der Weissling weiter nördlich gesichtet - bis 2008, als Wymann und die Spezialisten Heiner Ziegler und Bernhard Jost im Berner Oberland erste Exemplare des eher unscheinbaren Falters fanden.

Bald fand das Trio die Art, die auf der Roten Liste als "potenziell gefährdet" aufgeführt wird, an weiteren Stellen im Mittelland - bis in der Region von Olten. In Dörfern wurden die Experten fündig, in Einfamilienhaus-Quartieren ebenso wie in Vorstädten.

Inzwischen hat der Karstweissling fast ganz Mitteleuropa "erobert" und ist bis zur Nordsee vorgedrungen. Das zeigen Funde aus den Niederlanden.

Dass eine Schmetterlingsart ihre Verbreitung in weniger als zehn Jahren mehr als 700 Kilometer nordwärts verschiebt, habe man noch nie beobachtet, sagt Wymann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Insektenkunde. Das sei "historisch einzigartig", zumal der Pieris mannii nicht eine Wanderart sei.

Wymann ist überzeugt, dass die Arealerweiterung auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Dass sich die Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen verändern, ist ein schon lange bekanntes Phänomen. Nur ist es etwa bei Silberreihern oder Mittelmeermöwen sichtbarer.

Der Karstweissling profitiert bei der Arealerweiterung auch davon, dass er für die Eiablage und Raupen-Nahrungsquelle eine "Ersatzpflanze" gefunden hat: das Schleifenkraut, eine in Quartieren und Dörfern weiss blühende Modepflanze. Die Steinmauern und Häuserwände ersetzen die Felsen der ursprünglichen Lebensräume.

(SDA)