Eklat wegen Asylheim: Seelisberger schicken Regierungsrätin heim

In der Urner Gemeinde Seelisberg ist es bei einem Infoanlass für ein geplantes Asylzentrum zum Eklat gekommen. Die zuständige Regierungsrätin wurde beschimpft und musste ihre Präsentation abbrechen. Nun soll ein runder Tisch einberufen werden.
04.08.2016 22:43

Gegen 400 Personen zwängten sich am Donnerstagabend für die Informationsveranstaltung in die örtliche Turnhalle im 700-Seelen-Dorf oberhalb des Vierwaldstättersees. Vor Ort wollten die Urner Sozialdirektorin Barbara Bär (FDP), weitere Vertreter des Kantons und des Roten Kreuzes über das geplante Erstaufnahmezentrum für bis zu 60 Personen im Hotel Löwen informieren.

Die Regierungsrätin wurde aber gleich zu Beginn ihrer Präsentation von einer Gegnerin unterbrochen. "So nicht!", sagte die Sprecherin einer Interessengesellschaft gegen das Zentrum. Sie warf der Regierungsrätin Mangel an Respekt und Höflichkeit vor. Die Berggemeinde sei in den Sommerferien vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Sie habe mit ihrer politischen Dreistigkeit Unfrieden in der gesamten Gemeinde gestiftet.

Landrat Oswald Ziegler (CVP) sagte, der 700-Seelen-Ort Seelisberg lebe vom Tourismus und sei nicht fremdenfeindlich. Man habe stets Gäste beherbergt. Aber bis zu 60 Asylsuchende könne die Gemeinde nicht verkraften und treibe sie in den Ruin. Die Flüchtlinge müssten proportional auf alle 20 Gemeinden verteilt werden.

Weiter hiess es, 60 Asylbewerber auf den Berg nach Seelisberg zu schicken, werde die Dorfgemeinschaft nicht zulassen. An die Adresse der Regierungsrätin sagte eine weitere Bürgerin: "Kommen Sie wieder, wenn Sie einen vernünftigen Vorschlag präsentieren können."

Unter Protest verliessen die Besucher nach und nach den Saal. Einige blieben vergeblich und wollten sich das Konzept der Regierungsrätin anhören. Der Anlass wurde schliesslich rund eine Stunde nach Beginn nach einem Vorschlag von Gemeindepräsident Karl Huser-Lüönd abgebrochen.

Regierungsrätin Barbara Bär hatte mehrmals vergeblich versucht, ihren Vortrag fortzusetzen. Sie zeigte sich enttäuscht über die vehemente Gegenwehr der Gemeinde. Die Regierungsrätin kritisierte, Gemeindevertreter hätten die Stimmung noch angeheizt anstatt die Wogen zu glätten.

Bär erklärte nach Abbruch der Veranstaltung im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda, sie wolle am geplanten Standort für das Asylzentrum in Seelisberg festhalten. Die Zahl der aufzunehmenden Asylbewerber, die der Kanton mit maximal 60 angegeben hat, sei nicht in Stein gemeisselt. Bär will nun einen runden Tisch einberufen mit Vertretern des Kantons, des Gemeinderats und der Interessengemeinschaft.

Das geplante Asylzentrum für 60 Personen im ehemaligen Hotel Löwen in Seelisberg ist neben einer grösseren Unterkunft in Altdorf die einzige solche Anlage im Kanton Uri. Bisher wurden Flüchtlinge in kleineren Gruppen und vor allem in Wohnungen untergebracht.

Die Urner Regierung hatte das Vorhaben in Seelisberg nach Beginn der Sommerferien per Flugblatt angekündigt. Das Erstaufnahmezentrum soll Anfang September für zwei Jahre eröffnet werden. Die Regierung will dort vor allem junge Männer einquartieren.

Um den Betrieb kümmert sich das Rote Kreuz. Das Zentrum wird als 24-Stunden-Betrieb geführt. Die Flüchtlinge werden rund um die Uhr beaufsichtigt.

Eine Interessengruppe im Dorf hatte Ende Juli eine Petition gegen das Projekt lanciert. Eine Sprecherin sagte, eine Mehrheit der Dorfbevölkerung würde das Begehren unterstützen. Der IG gehören etwa der Gemeindepräsident und weitere Mitglieder des Gemeinderats sowie Tourismusvertreter an.

Die IG befürchtet Veränderungen im Dorfleben, Sicherheitsprobleme und wirtschaftliche Nachteile. Sie schlägt Standorte ausserhalb von Kernzonen und abseits von Schulen vor.

Das Hotel Löwen in Seelisberg ist der kantonalen Sozialdirektion als Unterkunft angeboten worden. Weil die Unterbringungskapazitäten für Flüchtlinge in gemieteten Wohnungen erreicht seien, habe der Kanton nach einer grösseren Gruppenunterkunft gesucht. Uri müsse wohl auch 2016 gegen 200 neue Flüchtlinge aufnehmen. Derzeit sind in Uri knapp 480 Personen in 80 Wohnungen in 14 Gemeinden untergebracht.

(SDA)