Erwartungen an die Tagesschulen sind zu hoch

Die Tagesschulen in den ersten beiden Primarschuljahren sollen einiges erreichen: Bessere Integration ausländischer Kinder, mehr Chancengleichheit und höhere Schulleistungen. Das können sie aber nicht. Sie erfüllen eher Betreuungs- als Bildungsfunktionen.
28.08.2017 10:14

Das zeigt eine am Montag veröffentlichte und vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte mehrjährige Untersuchung der Universität Bern an Deutschschweizer Tagesschulen. Insgesamt erbrachten Kinder, welche eine Tagesschule besuchten, keine besseren Schulleistungen als ihre Klassenkameraden ohne Tagesbetreuung.

Bei Kindern aus ärmeren und bildungsferneren Familien zeigte sich immerhin ein Kompensationseffekt bei der Mathematik. Im Lesen gab es hingegen gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund und aus ärmeren Familien keinen Unterschied zu den Altersgenossen ohne Tagesangebot.

Neben der Schulleistung wurde die soziale und emotionale Entwicklung der Tagesschul-Kinder untersucht. Dabei fanden die Forscherinnen und Forscher der Universität Bern bei sozial erwünschtem Verhalten ebenfalls keine Unterschiede zu Kindern ohne Tagesschulbesuch.

Im Vergleich der Tagesschulgruppen untereinander zeigte sich aber, wie wichtig eine gute Durchmischung ist. Besuchte ein verhaltensauffälliges Kind eine Gruppe mit vielen ebenfalls auffälligen Kindern, besserte sich sein Sozialverhalten weniger stark, als in einer ausgewogeneren Gruppe.

Die Studie stellt fest, dass die pädagogische Qualität der Tagesschulen in den letzten knapp zehn Jahren leicht stieg und von mittlerer bis guter Qualität ist. Tragende Elemente seien aber weiterhin die Hausaufgabenhilfe, das Mittagessen und das Zvieri. Freie Aktivitäten hätten grosse Bedeutung.

Gezielte pädagogische Aktivitäten gab es gemäss der Studie hingegen wenige, etwa im Bereich Sprache oder in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Im Gegensatz zu Angeboten im Ausland mit gezielter Förderung von Sprache und Sozialverhalten gibt es gemäss den Studienverfassern auf diesem Gebiet in den Deutschschweizer Tagesschulen "noch viel Potenzial".

Insgesamt legt die Studie die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Funktion der Tagesschule und den Erwartungen der Eltern offen. Das Fazit: Tagesschulen sind eher auf die Betreuung als auf die Bildung ausgerichtet.

Zudem zeigte sich, dass Kinder mit Migrationshintergrund und solche aus eher wohlhabenderen Familien die Tagesangebote eher nutzen als Kinder aus der Mittelschicht. Den Grund dafür orten die Berner Forscher in der einkommensabhängigen Kostenbeteiligung. Für Familien mit mittleren Einkommen ist die Tagesschule häufig zu teuer.

Für die Studie wurden rund 2000 Schülerinnen und Schüler des ersten und zweiten Primarschuljahrs befragt und begleitet. Sie besuchten 120 Klassen in 53 Tagesschulen und 13 Deutschschweizer Kantonen.

(SDA)