Liegen die US-Aktien-Bullen falsch?

Europas grösster Vermögensverwalter Amundi hält es für möglich, dass Anleger noch ihr blaues Wunder erleben werden, die in Erwartung von Konjunkturimpulsen der Trump-Regierung massiv in US-Aktien umgeschichtet haben.
21.01.2017 19:11
Die US-Fahne weht vor New York im Wind.
Die US-Fahne weht vor New York im Wind.
Bild: Pixabay

Zusätzliche Staatsausgaben und Steuererleichterungen des neuen US-Präsidenten könnten den laufenden Wirtschaftsaufschwung in den USA zwar verlängern, sagt Didier Borowski, Chefvolkswirt bei Amundi in Paris im Gespräch mit Bloomberg. Doch dürften die republikanischen Abgeordneten darauf bestehen, dass diese Massnahmen das Defizit nicht erhöhen. Selbst wenn Donald Trump erfolgreich sei und tatsächlich konjunkturelle Anreize setzen könne, so würden diese nicht vor dem nächsten Jahr Wirkung zeigen.

"Nach der Wahl von Trump haben die Märkte so reagiert, als gebe es lediglich Aufwärtsrisiken", erklärt Borowski in dem Interview in München. "Die US-Aktienmärkte könnten noch weiter in den Bereich einer Blase hineinlaufen, und die Risiken zunehmend asymmetrisch werden. Das wäre dann eine Gelegenheit, Mittel in die Anleihemärkte umzuschichten."

Trumps überraschender Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl im November hat Anleger dazu veranlasst, ihre Mittel aus Anleihen abzuziehen und dafür in Aktien zu investieren. Damit ist eine gewaltige Umschichtung in Gang gekommen, von der Investoren sagen, dass sie noch Jahre andauern und die über Jahrzehnte laufende Rally an den Bondmärkten beenden könnte. Der Wert aller Aktien weltweit stieg von 65 Billionen Dollar am Tag vor der Wahl bis auf zuletzt 68 Billionen Dollar. Anleihen haben in diesem Zeitraum etwa zwei Billionen Dollar an Wert verloren.

Experten sind unterschiedlicher Meinung

Beobachter der Finanzmärkte und Investoren sind allerdings uneins, ob sich dieser Trend fortsetzen wird, der als "grosse Rotation" von Anleihen in Aktien beschrieben wird. Der globale Chefstratege von Charles Schwab, Jeffrey Kleintop, etwa erwartet, dass er noch Jahre halten wird. Amundi, mehrheitlich im Besitz von Credit Agricole, hält es für ein wahrscheinlicheres Szenario, dass Bonds eine Erholung erleben werden, weil das Wachstum in den USA doch nur langsam ausfallen wird.

"Die globalen Unwägbarkeiten befinden sich auf einem nie dagewesenen Niveau - mit Brexit, Trump und den Wahlen in Europa", sagt Borowski. Das grösste Risiko für die Weltwirtschaft besteht aus seiner Sicht aber in einem Handelskrieg zwischen den USA und China. "Der Anleihemarkt ist noch nicht tot. Es gibt viele unvorhersehbare Risiken, weshalb wir ernsthaft bezweifeln, dass die Bond-Renditen so stark steigen werden. Anleger werden in US-Treasuries investiert bleiben als sicheren Hafen."

Borowski zufolge wäre auch möglich, dass Anleger nach Europa zurückkehren - und zwar dann, wenn mit den Wahlen die politischen Unsicherheiten in der Region gebannt sind.

Le Pen-Wahl wird als unwahrscheinlich angesehen

"Einige Investoren sind Europa nach dem Brexit-Votum ferngeblieben", sagt Borowski. "Doch irgendwann in den nächsten Monaten werden wir wieder beruhigt sein, was die politischen Risiken in Europa und speziell in Frankreich angeht. Wir erwarten nicht, dass Front-National-Chefin Marine Le Pen als Sieger aus der Präsidentschaftswahl hervorgeht."

Amundi entstand 2010, nachdem Credit Agricole und Société Générale SA ihre Asset-Manager zusammenführten. 2015 ging die Gesellschaft an die Börse, um ihre internationale Expansion zu finanzieren, und Société Générale verkaufte ihren Anteil.

Im Dezember willigte Amundi ein, Pioneer Investments von der italienischen UniCredit SpA für rund 3,5 Mrd. Euro zu übernehmen. Damit wuchs das verwaltete Vermögen um mehr als 1,3 Billionen Euro und machte Amundi zum achtgrössten Vermögensverwalter der Welt.

(Bloomberg)