Politik in Holland - Niederlande vor der Wahl: Glücklich und doch voller Angst

Obwohl es Holland so gut geht wie lange nicht mehr, kehren viele Bürger dem politischen Establishment den Rücken.
04.03.2017 10:00
(März 2014)
(März 2014)
Bild: cash

"Wer Holland sehen will, wo es am schönsten ist, der geht nach Volendam", heißt es in einem niederländischen Lied. In dem malerischen Fischerdorf reihen sich bunte Häuschen aneinander, kleine Zugbrücken überspannen romantische Grachten. Die Arbeitslosenquote in dem Ort mit 8000 Einwohnern liegt bei nur drei Prozent, auch die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Trotzdem geben ein Drittel der Bürger an, bei der Wahl am 15. März für den Rechtspopulisten und Islam-Hasser Geert Wilders stimmen zu wollen. Das eine halbe Stunde von Amsterdam entfernte Volendam steht für ein Paradox: Obwohl es dem Land so gut geht wie lange nicht mehr, kehren viele Bürger dem politischen Establishment den Rücken.

Die Wähler rennen stattdessen in Scharen über zu Wilders' Freiheitspartei (PVV). Aber warum? Der Rechtspopulist hetzt gegen die marokkanische Minderheit, die er zuletzt als "Abschaum" bezeichnete. Wer aber durch Volendam schlendert, wo der Durchschnittspreis für ein Haus bei 325.000 Euro liegt, wird dort kaum auf Marokkaner treffen: Der Bevölkerungsanteil von Migranten aus nicht-westlichen Ländern liegt bei zwei Prozent.

Statistisch betrachtet geht es den Volendamern blendend - so wie den meisten Niederländern. Ende 2016 lag die landesweite Arbeitslosenrate nur noch bei 5,5 Prozent. Die Rezession nach der Finanzkrise ist überwunden, mit über zwei Prozent ist das Wirtschaftswachstum höher als in Deutschland oder Frankreich: Die Niederländer schicken sich an, in der EU zum ökonomischen Champion aufzusteigen. Im Gallup-"Glücksindex" belegen die Niederlande unter 156 Ländern mittlerweile den siebten Rang.

"Es geht nicht um die Wirtschaft, es geht um Kultur und Identität", erklärt die Politikwissenschaftlerin Sarah de Lange von der Universität Amsterdam das Paradox von Volendam und all den anderen glücklichen Orten hinter den Deichen. Es geht um Angst. Die Bürger seien in Sorge, dass die großstädtischen Probleme in ihre heile Welt einbrechen könnten. "Stellen sie sich das Chaos vor, wenn in einem Zoo alle Käfige offen gelassen würden", beschreibt der Rentner und Wilders-Fan Willem Veerman aus Volendam seine Gefühlslage gegenüber islamischen Migranten.

Einbruch für Liberal-Konservative vorhergesagt

Wähler wie Veerman werden den Umfragen zufolge dafür sorgen, dass Wilders' PVV die Zahl ihrer Parlamentssitze auf 26 nahezu verdoppeln wird. Hauchdünn besser abschneiden dürften nach der jüngsten Umfrage nur noch die Liberal-Konservativen unter Ministerpräsident Mark Rutte, denen ein Einbruch von 41 auf 27 Mandate vorhergesagt wird. Weil mit Wilders keine andere Partei aus dem bürgerlichen oder linken Lager koalieren will, dürfte er sich wohl wieder nur auf der harten Oppositionsbank wiederfinden.

Das bedeutet freilich nicht, dass die Rechtspopulisten die politische Richtung nicht maßgeblich beeinflussen würden - sie tun es längst. Auch Rutte sprang auf den Zug auf und stimmte in einem Brief an seine Landsleute harte Töne gegenüber Ausländern an: "Passt euch an oder geht nach Hause." Seine Partei schlug vor, unter Strafe zu stellen, Frauen auf der Straße zu folgen oder ihnen hinterherzupfeifen oder ihnen auf andere Weise sexuelle Angebote zu machen. In den Umfragen schob sich Ruttes Partei zuletzt wieder knapp vor die Freiheitspartei.

Überzeugte Wilders-Wählerinnen wie Carla Dekker aus der PVV-Hochburg Hendrik-Ido-Ambacht, einem Vorort von Rotterdam, wird Rutte nicht zurückholen. Die etablierten Parteien hätten genügend Zeit gehabt, sich um die Immigration zu kümmern. "Es gibt ein Gefühl der Bedrohung der niederländischen Identität, Werte und Lebensweise", sagt Politologin de Lange. 1996 machten Einwanderer aus nicht-westlichen Ländern 7,5 Prozent der Bevölkerung aus. 2015 waren es dem Statistikamt zufolge 12,1 Prozent. Fünf Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

Ganz gleich, wie man die Statistiken deutet, das Beispiel Volendam zeigt, dass Fakten und eigene Erfahrungen mit Migranten für die Wahlentscheidung oft gar nicht mehr entscheidend sind. "Oft höre ich, mir geht es gut, aber dem Land geht es nicht gut", berichtet die Pastorin Julia van Rijn aus Amsterdam. "Bisher ging es jeder Generation stets besser als der vorherigen", sagt sie: "Nun haben die Menschen das Gefühl, alles stagniere, und sie haben Angst wegen ihrer Kinder."

(Reuters)