"Feuerball" in U-Bahn: Anschlag in London mit 29 Verletzten

Grossbritannien ist zum fünften Mal in diesem Jahr Ziel eines Anschlags geworden. In einer Londoner U-Bahn explodierte am Freitagmorgen eine selbst gebaute Bombe. Mindestens 29 Menschen wurden verletzt und in Spitälern versorgt, überwiegend wegen Verbrennungen.
15.09.2017 21:51

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag für sich. Grossbritannien erhöhte am Freitagabend die Terrorwarnstufe auf "kritisch" erhöht. Das sagte Premierministerin Theresa May. Die Stufe "kritisch" signalisiert, dass möglicherweise ein Anschlag unmittelbar bevorstehen soll.

Wie Polizei und Rettungsdienste berichteten, schwebte von den Verletzten zunächst niemand in Lebensgefahr. Die meisten Verletzungen rührten von Stichflammen her, die zu Verbrennungen führten. Durch die einsetzende Massenpanik wurden ebenfalls mehrere Personen verletzt.

Premierministerin May berief umgehend ihren Krisenstab ein. Die Polizei sprach von einer Terrorattacke. "Wir schätzen es so ein, dass dies eine Detonation durch einen improvisierten Sprengstoff war", sagte der oberste britische Terrorismus-Bekämpfer Mark Rowley. Nach seinen Angaben war die Bombe selbst gebaut.

Die Polizei ermittelt wegen Terrorverdachts und fahndete nach dem Täter oder den Tätern. Das Motiv war zunächst unklar. Bislang bekannte sich niemand zur Tat.

Die Bombe explodierte um 08.20 Uhr Ortszeit (09.20 Uhr MESZ) mitten im morgendlichen Berufsverkehr in einer voll besetzten U-Bahn nahe der oberirdischen Haltestelle Parsons Green. Die Station liegt im westlichen Zentrum der Millionenmetropole, nahe dem Stadion des Fussballclubs FC Chelsea. Augenzeugen berichteten von einem lauten Knall und einer "Feuerwand" beziehungsweise einem "Feuerball" in der Bahn.

In sozialen Medien kursierten Bilder und Videos von einem weissen Eimer in einer Supermarkt-Tüte, der im Waggon eine Explosion ausgelöst haben soll. Aus dem Eimer hingen Drähte. Nach BBC-Informationen wurde der Sprengsatz per Zeitschaltuhr gezündet.

Ein Grossaufgebot an Rettungskräften und bewaffneter Polizei war innert weniger Minuten zur Stelle. Die Haltestelle wurde weiträumig abgesperrt. Die Bürger wurden aufgerufen, die Umgebung zu meiden. Der Zugverkehr wurde teilweise unterbrochen und umgeleitet.

Hunderte Beamte waren am Nachmittag zudem damit beschäftigt, Videomaterial und andere Beweismittel auszuwerten, wie der Chef der Londoner Anti-Terror-Einheit mitteilte. "Die Fahndung läuft", sagte Bürgermeister Khan dem Radiosender LBC. Ob bereits konkrete Personen ins Visier geraten seien, dürfe er aber nicht sagen.

Augenzeugen berichteten von panikartigen Zuständen. Die Menschen seien aus der oberirdischen Station nach unten auf die Strasse gerannt, zum Teil blutüberströmt oder mit schweren Verbrennungen.

"Wir liefen die Treppen runter, und es hat sich angefühlt, als würden wir um unser Leben laufen", sagte ein Mann namens Luke dem Sender BBC5. Eine Frau namens Emma schilderte: "Nach einer Weile stapelten sich die Menschen übereinander, weil einige beim Laufen umgefallen waren."

Premierministerin Theresa May erklärte: "Meine Gedanken sind bei denen, die in Parsons Green verletzt wurden und den Einsatzkräften, die - wieder einmal - rasch und mutig auf einen mutmasslichen Terroranschlag reagieren." Londons Bürgermeister Sadiq Khan schrieb: "Unsere Stadt verurteilt die widerwärtigen Individuen, die mit Terror versuchen, uns zu schaden und unsere Lebensweise zu zerstören."

Der Präsident des Europaparlaments, Antonio Tajani, drückte sein Mitgefühl aus. "Terrorismus kennt keine Grenzen und wird besiegt, indem man zusammenarbeitet", erklärte er auf Twitter.

US-Präsident Donald Trump verurteilte den Anschlag auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter. "Mit Versager-Terroristen muss sehr viel härter verfahren werden."

In einem zweiten Tweet schrieb Trump, das Internet sei das wichtigste Rekrutierungswerkzeug der Terroristen, das "abgeschnitten" und besser genutzt werden müsse. Wie dies geschehen soll, erklärte er nicht.

Bei den Terroristen handle es sich um kranke und verrückte Leute, die die Polizei von Scotland Yard bereits im Auge gehabt habe. "Müssen proaktiv sein!", schrieb Trump.

Die Londoner Polizei wies laut CNN die Behauptung Trumps als Spekulation zurück, ihnen seien der oder die Täter bekannt gewesen. Premierministerin May sagte dazu, es sei für niemanden hilfreich, über laufende Ermittlungen zu spekulieren.

Grossbritannien war in diesem Jahr bereits vier Mal Ziel von Anschlägen mit insgesamt 36 Todesopfern, drei der Attacken waren islamistisch motiviert.

Im März war ein Attentäter auf der Londoner Westminster-Brücke mit einem Auto gezielt in Fussgänger gerast, bevor er einen Polizisten auf dem Gelände des Parlaments niederstach. Fünf Menschen starben.

Bei einem Bombenattentat auf die Besucher eines Konzerts in Manchester im Mai starben 22 Menschen. Acht Menschen verloren ihre Leben bei einem Angriff auf das Londoner Ausgehviertel Borough Market und die London-Bridge. Ein Mann kam bei einem Angriff auf Moscheebesucher Ende Juni in London ums Leben.

Die Londoner U-Bahn war bereits 2005 ein Anschlagsziel, als britische Islamisten Selbstmordanschläge auf drei Londoner U-Bahnen und einen Bus verübten. Dabei kamen 52 Menschen ums Leben.

(SDA)