Filzpantoffeln für alle und die unkeuschen Blicke des Neffen

Am Freitagabend zeigte das Theater St. Gallen die Premiere des Schauspiels "Fräulein Stark". Die Inszenierung verliess sich ganz auf die Romanvorlage von Thomas Hürlimann, die mit ihren Zuspitzungen für einen kurzweiligen Theaterabend sorgte.
04.03.2017 14:42

Dem Auge wird nicht allzu viel geboten - doch das gehört zum Konzept: Für die Inszenierung von Thomas Hürlimanns Roman "Fräulein Stark" auf der Bühne der St. Galler Lokremise reichen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sowie einige wenige Requisiten und Effekte.

Regisseur Georg Scharegg macht aus dem Stoff kein klassisches Bühnenstück. Er inszeniert die autobiografisch gefärbten Kindheitserinnerungen über einen mehrwöchigen Aufenthalt des Autors bei seinem Onkel, dem St. Galler Stiftsbibliothekar, sowie dessen Haushälterin, als Hauptprobe für ein Hörstück.

Da reicht es, das Geräusch eines knarrenden Bodens einzuspielen, um das Bild des prunkvollen Barocksaals der Stiftsbibliothek mit seinen bibliophilen Schätze in den Köpfen des St. Galler Publikums aufzurufen. Am Mischpult: Der St. Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht.

Sogar die Filzpantoffeln, die der Neffe den Besucherinnen und Besuchern der Bibliothek abgeben soll, um das kostbare Parkett aus "hautweichem Kirschholz" zu schonen, muss man sich vorstellen.

Aber eigentlich verlässt sich die Regie vor allem auf den facettenreichen Text. Den Grundton gibt bereits der erste Satz vor: Er illustriert den erotisierten Blick des pubertierenden Erzählers auf die Welt. Den Onkel beschreibt er so: "Gedachte er, die Blätter einer tausendjährigen Bibel zu berühren, zog er Handschuhe an, schwarz wie die Dessous meiner Mama".

Die Erzählung ist gespickt mit kleinen und grossen Bösartigkeiten. Bei Hürlimann kann das Fräulein Stark weder lesen noch schreiben. Der Bibliothekar trägt eine Soutane "angeblich eine Massanfertigung, die eine Römer Exklusiv-Boutique für Monsignore geschneidert hatte". Jeden Nachmittag durchleidet der Onkel das Karfreitagsgeschehen und verflucht dabei die Juden.

Der latente katholische Antisemitismus ist neben den "unkeuschen Blicken" unter die Röcke der Besucherinnen beim Verteilen der Filzpantoffeln, das zweite Hauptthema des Stücks. Er sei halt "ein kleiner Katz" sagt das Fräulein Stark und spielt damit auf die jüdischen Vorfahren der Hauptfigur an. Der Neffe aber will werden wie alle anderen, "ein Lautlacher, ein Vieltrinker, normal bis in die Knochen".

Viele der Schilderungen sind scharfzüngige Zuspitzungen: Die Appenzeller hocken in Gaststätten mit dem Namen "Säntisblick" und rühren sich erst, wenn man ihnen einen Fünfliber entgegenstreckt. Vom Stadthügel aus beobachten die St. Gallerinnen und St. Galler bei Bratwurst und Bier die Bombardements am deutschen Bodenseeufer gegen Ende des Zweiten Weltkriegs - als wäre es ein Feuerwerk.

Das Buch löste bei seinem Erscheinen in St. Gallen einen kleinen Skandal mit den Zügen einer Lokalposse aus: Hürlimanns Onkel, Johannes Duft, wurde damals noch immer von seiner Haushälterin - eben dem Fräulein Stark - umsorgt, wenn auch nicht mehr in den Räumlichkeiten des Klosterbezirks, sondern in der nahen Seniorenresidenz für noble St. Galler.

Auf Druck katholischer Kreisen wurde damals eine erste Lesung abgesagt. Duft sah die Persönlichkeitsrechte seiner Haushälterin verletzt, die im Buch als einzige bei ihrem richtigen Namen genannt wird und liess eine elfseitige Richtigsstellung drucken, samt einer Tirade über den schriftstellernden Neffen: Hürlimann sei ein "verwöhntes Herrensöhnchen", spottete er.

Diese Nebengeschichte nimmt die Regie auf. Sie lässt das Ensemble in einer kurzen Sequenz aus der Rolle fallen und die damaligen Vorwürfe rekapitulieren. Es ist eine eher überflüssige Konzession an die damalige Kritik, die aber der Kurzweiligkeit des Theaterabends keinen Abbruch tat.

(SDA)