"Gefeiert und verspottet" im Kunsthaus Zürich - Verschüttete Wege

Unter dem Motto "Gefeiert und verspottet" zeigt das Kunsthaus Zürich lange missachtete Schätze der französischen Malerei von 1820 bis 1880. Die Ausstellung dauert vom 10. November bis 28. Januar.
09.11.2017 12:02

Während die Gemälde der Impressionisten als Inbegriff für französische Malkunst gelten, werden die meisten von deren Vorläufern und Wegbereitern in Ausstellungen eher selten in Erinnerung gerufen.

Gewisse Bilder von Monet sind weltweit so häufig unterwegs, dass sie längst zur Unkenntlichkeit verblasst wären, würden sie bei jeder Ausleihe ein paar Prozent ihrer Farbigkeit verlieren.

Das trifft bei den jetzt im Zürcher Kunsthaus präsentierten Ölbildern nicht zu. Viele von ihnen dämmerten in Depots oder in Provinzmuseen über Jahrzehnte unbeachtet vor sich hin.

Was in nur sechzig entwicklungsreichen Jahren entstand und am berühmten "Salon" in Paris vorgestellt wurde, vereinigt die Kuratorin Sandra Gianfreda zu einer höchst beeindruckenden, weil stilistisch und thematisch vielseitigen Leistungsschau der französischen Malerei.

Erstmals deckt ein schweizerisches Kunstmuseum mit einer Vielzahl von Meisterwerken aus aller Welt so unterschiedliche Strömungen wie Romantik, Naturalismus und Realismus auf, um den Weg von der akademisch-klassizistischen Ateliermalerei bis zur befreiten Freiluftmalerei der Impressionisten nachzuzeichnen.

Auf die im Pariser "Salon" übliche dichte Hängung wurde zugunsten von grosser Transparenz verzichtet. Die spezielle Atmosphäre der "Salons", wie sie schon Heinrich Heine in seinen "Kunstberichten aus Paris" (1831) beschrieben hat, gibt ein dunkler Raum mit zeitgenössischen Zitaten von Gauthier, Manet und Zola wieder.

Unter den mehr als hundert Werken von rund sechzig Künstlerinnen und Künstlern, die einst hoch angesehen waren oder aber von der Jury und Kritik abgelehnt wurden, warten viele auf eine Wiederentdeckung.

Das aus dem Cleveland Museum entlehnte "Stillleben mit Spargel" von Philippe Rousseau etwa zählt zu den grossen Überraschungen und hält dem Vergleich mit Manets Ölbild mit demselben Motiv durchaus stand.

Herausragende malerische Qualitäten finden sich auch in Jean-Léon Gérômes Gemälde "Le 7 décembre 1815, neuf heures du matin. L'exécution du Maréchal Ney" (1868) oder bei Rosa Bonheur, Jean-Jacques Henner, Léon Germain Pelouse, James Tissot und weiteren Vergessenen.

Noch nicht beim Impressionismus angelangt, überspringt Monet mit seiner malerisch kühnen Szene "Sur la plage de Trouville" (1870) die von ihm mitbegründete Stilrichtung, indem er mit elementarer Vereinfachung formal bereits auf die Fauvisten, Munch und deutsche Expressionisten vorausweist.

In der dreiteilig konzipierten Schau gemahnen die Grundfarben Blau, Rot und Weiss der Wände in veränderter Reihenfolge an die Trikolore, die französische Nationalflagge.

Unterstreichen die blauen Säle mit inszenierter Geschichte und Bildern aus dem Orient den historischen Aspekt der Ausstellung, gilt die Farbe Rot für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart, für Portraits, erotische Körperdarstellungen und Stillleben.

Weiss dominiert in den lichterfüllten "Naturdarstellungen: Zwischen Ideal und Wirklichkeit", die zwischen Seestücken von Monet und Flusslandschaften von Pissarro auch mythologische Motive von Corot und einen weit über die Zeit hinausweisenden "Bergweg" (1873) von Adolphe Monticelli einschliessen.

Als besonders originelle Einstimmung in den zeitweise von 5000 Künstlern belieferten "Salon" und die Welt von Courbet, Delacroix, Géricault, Meissonier und Moreau erweisen sich satirische Lithografien von Honoré Daumier.

Verfasser: Walter Labhart, sfd

(SDA)