Geheimnisvolle Kunstsammlung Gurlitt erstmals öffentlich zu sehen

Kaum jemand hat die Bilder bisher gesehen, doch kaum eine Kunstsammlung hat die Öffentlichkeit so fasziniert wie jene des 2014 verstorbenen deutschen Kunsthändlerssohns Cornelius Gurlitt. Nun sind rund 400 Werke erstmals zu sehen.
01.11.2017 09:57

In einer Doppelschau geben das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn Einblick in die Sammlung. Die Ausstellungen werden am Mittwoch in Bern anlässlich einer Pressekonferenz vorgestellt.

Für das Publikum öffnen sich die Tore in Bern am Donnerstag und in Bonn am Freitag. Die Doppelschau trägt den Titel "Bestandesaufnahme Gurlitt". In der Schweiz wird der Aspekt auf die von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamierte Kunst gelegt, in Bonn wird das Thema Raubkunst vertieft.

Mehr als 1500 Werke berühmter Künstler wie Monet, Cézanne, Renoir, Macke, Dix, Nolde oder Beckmann beschlagnahmten die Deutschen Behörden 2012 in der Wohnung eines eigenbrötlerischen Rentners in München und in einem heruntergekommenen Haus in Salzburg.

Der fragile alte Mann, dem die Bilder gehörten hiess Cornelius Gurlitt. Der Name liess aufhorchen, denn Cornelius' Vater war einer der Kunsthändler Hitlers. Die gefundenen Kunstschätze standen sofort unter Raubkunstverdacht.

Die Weltpresse berichtete aufgeregt über einen milliardenschweren Nazikunstschatz, den man bei einem greisen Messie in dessen vermüllter Wohnung gefunden hatte.

Gehoben wurden Bilder, die seit dem zweiten Weltkrieg als verschollen galten. Die Öffentlichkeit war elektrisiert - ein Kunstkrimi, wie man ihn nicht oft vorgesetzt bekommt.

Doch allmählich wurde klar, dass kein milliardenschwerer Nazischatz gehoben worden war. In Kunstkreisen war bekannt, dass Cornelius Gurlitt als privater Sammler Kunstwerke besass und gelegentlich auch verkaufte, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Auch am Vorgehen der Deutschen Behörden, die die Werke beschlagnahmten, wurden Zweifel laut. Unterdessen ist auch klar, dass sich in dem Konvolut nicht sehr viel Raubkunst befindet, dafür umso mehr Werke der sogenannte "entarteten Kunst".

Der Fall Gurlitt entpuppte sich schliesslich nicht als einfacher Kunstkrimi, sondern als vielschichtiges Epos, in dem ein sehr dunkles Kapitel europäischer Geschichte, Kunst, Kunsthandel und der Umgang späterer Generationen mit Fragen der Restitution verwoben sind.

Vor diesem düsteren Hintergrund tauchen die Figuren von Vater und Sohn Gurlitt auf, auch sie schillernd, vielschichtig, widersprüchlich.

2014 rüttelte der Fall Gurlitt die Schweiz auf. Völlig überraschend hatte Cornelius Gurlitt dem Kunstmuseum Bern die Sammlung vermacht. Dort viel man aus allen Wolken und fragte sich, ob man ein solch belastetes Erbe denn überhaupt annehmen könnte.

Ja, kam das Museum zum Schluss. Gemeinsam mit Deutschland soll der der Fall Gurlitt aufgearbeitet werden. Die Kunstwerke sollen auf ihre Herkunft untersucht und gegebenenfalls an anspruchsberechtigte Besitzer zurückgegeben werden. Nach Bern kommen sollen nur unbelastete Werke.

Nach der Debatte über Nachrichtenlose Vermögen in den 1990-er Jahren löste das Gurlitt-Erbe in der Schweiz erneut eine Debatte über den Umgang mit Vermögenswerten aus, die ihren Besitzern von einem Regime entzogen oder abgepresst worden waren.

Das Kunstmuseum Bern hat sich verpflichtet, diesbezüglich die Washingtoner Prinzipien anzuwenden und zwar so, wie das Nachbarland Deutschland sie auslegt - etwas weniger formalistisch als die Schweiz. Damit setzte das Kunstmuseum Bern ein deutliches Zeichen, solche Fragen mit dem nötigen Pragmatismus angehen zu wollen.

Die Provenienzforschung im Fall Gurlitt ist noch nicht abgeschlossen. Erste Bilder wurden bereits ihren Besitzern zurückgegeben, mit anderen ist das Kunstmuseum im Gespräch. Aktuell geht es um das Meisterwerk "La Montagne Sainte-Victoire" von Paul Cézanne, eines der wertvollsten Gemälde im Gurlitt-Konvolut.

Das Gurlitt-Konvolut umfasst verhältnismässig wenig Ölgemälde, dafür aber viele exzellente Papierwerke des deutschen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit.

Die Doppelschau in Bern und Bonn will explizit auch die schwierigen Fragen vom Umgang mit Raubkunst, "entarteter Kunst" und Fluchtgut thematisieren. Doch daneben sollen auch die Bilder für sich sprechen.

(SDA)