Graubünden und Tessin geben Wolfsrüden zum Abschuss frei

Die Kantone Graubünden und Tessin haben den Wolfsrüden M75 ins Visier genommen. Das Raubtier soll geschossen werden, weil es zu viele Schafe riss. Der WWF prüft rechtliche Schritte gegen die Behördenverfügung.
22.03.2017 15:29

Die mehr als 40 Schafe, die M75 zugeordnet werden, wurden zwischen dem 21. Januar und dem 8. Februar in den Bündner Südtälern Bergell und Misox sowie in der Leventina im Kanton Tessin gerissen. In drei Fällen konnte der Wolfsrüde M75 genetisch als Verursacher überführt werden, wie das Bündner Amt für Jagd und Fischerei am Mittwoch mitteilte.

Die Behörden vermuten, dass M75 zudem Mitte Februar sieben Schafe bei Trun im Bündner Oberland getötet haben könnte. Das gezielte Vorgehen dort sei identisch gewesen mit jenem bei Cama im Misox und Faido in der Leventina.

Nun muss der Wolf um sein Leben bangen: Gemäss eidgenössischer Verordnung können die Raubtiere geschossen werden, wenn sie trotz Herdenschutz einen erheblichen Schaden an Nutztieren angerichtet haben. Ein solcher Schadenfall ist definiert durch mindestens 25 tote Nutztiere innerhalb eines Monats.

Die Abschussverfügung der Kantone Graubünden und Tessin ist auf 60 Tage befristet. M75 muss somit spätestens in der zweiten Maihälfte zur Strecke gebracht werden.

Über den ins Visier genommenen Wolf ist wenig bekannt. Es scheint sich um einen unruhigen Wandergesellen zu handeln. Der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi sagte auf Anfrage, das Tier sei erstmals letzten Januar im südbündnerischen Bergell genetisch identifiziert worden. Die Vorgeschichte des Tieres sei unbekannt.

Laut Brosi ist die Abschussverfügung gegen M75 erst die zweite in Graubünden gegen einen Wolf aufgrund angerichteter Schäden an Nutztieren. Die erste betraf 2001 einen Wolf in Bergell. Das Tier wurde im Herbst des gleichen Jahres geschossen, es hatte innerhalb eines halben Jahres beinahe 100 Schafe und Ziegen gerissen.

Im Tessin sei es das erste Mal, dass eine Abschusserlaubnis für das Kantonsgebiet erteilt worden sei, sagte Giorgio Leoni vom kantonalen Jagd- und Fischereiamt auf Anfrage. Seit 2001 hätten insgesamt 22 Wölfe den Kanton passiert.

In Graubünden wurden bis 2015 im Schnitt etwa 20 Schafrisse pro Jahr verzeichnet. Danach stieg die Zahl. Im laufenden Jahr wurden in Graubünden 32 Nutztiere getötet. Jagdinspektor Brosi geht davon aus, dass sich im Gebirgskanton derzeit 15 bis 20 Wölfe aufhalten, inklusive des Rudels am Calandamassiv im Grenzgebiet zum Kanton St. Gallen.

Der WWF teilte mit, er bedaure, dass eine Abschussbewilligung erteilt worden sei. Die Umweltorganisation will die Abschussdossiers prüfen und sich rechtliche Schritte vorbehalten. Der WWF bezweifelt, ob der Herdenschutz im Tessin gemäss Vorgaben des Bundes umgesetzt worden sei.

(SDA)