Pharma-Multi aus Basel - Harvard-Forscher sollen Novartis-Krebsgeschäft ankurbeln

Der Pharmariese Novartis setzt bei der Aufholjagd in der Krebs-Immuntherapie auf Forscher der US-Spitzenuniversität Harvard. Investoren muss Novartis allerdings noch von der Krebsstrategie überzeugen.
04.03.2017 06:22
Der Hauptsitz von Novartis in Basel.
Der Hauptsitz von Novartis in Basel.
Bild: Bloomberg

Denn der weltgrößte Hersteller von verschreibungspflichtigen Medikamenten hat in dem als Durchbruch in der Krebsmedizin gefeierten Therapieansatz bislang kaum Flagge gezeigt und Milliardenumsätzen liegenlassen. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, hat sich der Konzern aus Basel in der renommierten Nachbarschaft seines Forschungscampus in der amerikanischen Ostküstenmetropole Cambridge umgesehen: Vier Harvard-Forscher haben seit 2015 bei den Schweizern angeheuert.

Zuletzt machte im September vergangenen Jahres der Krebsmediziner Peter Hammerman den Schritt von der Forschung in die Industrie. Er, Forschungschef Jay Bradner, Glenn Dranoff und Jeff Engelman sollen das Krebsgeschäft von Novartis wieder auf Touren zu bringen. Während Rivalen wie der Schweizer Erzrivale Roche oder Bristol-Myers Squibb und Merck aus den USA kräftig in die Immuntherapie investiert haben und inzwischen mit modernen Krebspräparaten gut verdienen, hat Novartis noch keine solche Arznei auf dem Markt.

Der Ansatz, das körpereigene Abwehrsystem mit Antikörpern aufzurüsten, damit es Tumorzellen erkennen und zerstören kann, gilt als die Zukunft der Krebsmedizin. "Eine Herausforderung hier bei Novartis ist sicherlich, dass wir keinen PD-1- oder PD-L1-Wirkstoff auf dem Markt haben", räumte Hammerman im Gespräch mit Reuters ein. "Unsere Konkurrenten hingegen schon, das ist Realität."

Die mit diesen Kürzeln bezeichneten Proteine spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass T-Zellen des Immunsystems einen Tumor angreifen können oder nicht. Manche Experten billigen dem Ansatz eine tragende Rolle für Medikamenten-Kombinationen zu, dank denen Krebs von einer tödlichen zu einer behandelbaren chronischen Erkrankung werden soll. "Es ist klar, dass PD-L1 und PD-1 das Rückgrat einer Therapie sind", sagte Roche-Pharmachef Daniel O'Day jüngst zu Reuters. Die auf diesem Wirkprinzip basierende Roche-Arznei Tecentriq ist seit vergangenem Jahr zur Behandlung von Blasen- und Lungenkrebs zugelassen.

Investoren sind nervös

Novartis verfügt mittlerweile ebenfalls über PD-1-Wirkstoffe, eingekauft mit der US-Firma CoStim. Hammerman und seine Kollegen forschen derzeit an insgesamt zwölf potenziellen Krebs-Immuntherapien. Der Experte sieht das Rennen noch nicht verloren: "Es gibt sicherlich Wege, wie wir noch verbessern können, was derzeit bei PD-1 und PD-L1 geschieht." In einem Teilbereich der Immuntherapie geben die Schweizer gemeinsam mit der US-Biotechnologiefirma Kite sogar den Ton an. Bei der CART-Technologie entnehmen Ärzte T-Zellen, modifizieren sie und injizieren sie den Patienten zurück in der Hoffnung, dass sie Krebs wirkungsvoller bekämpfen. Novartis traut dem Wirkstoff CTL019 eine Milliarde Dollar oder mehr Umsatz zu und will dieses Jahr in den USA die Zulassung zur Behandlung von B-Zellen-Lymphom beantragen.

Investoren muss Novartis allerdings noch davon überzeugen, dass das Unternehmen in der Krebs-Immuntherapie, der Analysten jährlich 30 bis 40 Milliarden Dollar Umsatz zutrauen, mithalten kann. Das Krebsgeschäft des Konzerns leidet bereits unter dem Umsatzschwund des Blutkrebsmedikaments Glivec, nachdem günstigere Generika dem einst wichtigsten Umsatzträger nach dem Auslaufen des Patentschutzes Konkurrenz machen.

Die Novartis-Aktien verloren in den vergangenen beiden Jahren rund ein Fünftel an Wert, während etwa die Merck-Titel elf Prozent zugelegten. Manche Investoren fürchten, der Konzern könnte zu einem teuren Zukauf gezwungen sein, um in der Krebs-Immuntherapie wieder den Anschluss zu finden. "Ich habe Novartis verkauft", sagte Phil Webster, Fondsmanager bei BMO in London. "Mich beunruhigt etwas, was sie tun werden, was sie kaufen werden. Es gibt offensichtlich Löcher in ihrer Krebs-Pipeline."

Zu Novartis gelockt hat Hammerman nach eigenem Bekunden die Aussicht auf praktisch unbegrenzte Forschungsmittel. Er arbeite mit 65 Leuten an Projekten, für die er in seinem Universitätslabor zehn Mitarbeiter hatte. "Wir haben viel mehr Patienten, viel mehr Proben, viel mehr Versuche und viel mehr Ressourcen als jedes akademische Labor." Auch die Rückkehr in den Kreis seiner Harvard-Kollegen, mit denen er regelmäßig zu Mittag essen gehe und nach der Arbeit gelegentlich auf ein Bier, spielte eine Rolle. Bradner ist Chef des Novartis Institute for BioMedical Research (NIBR), Dranoff, Engelman und Hammerman leiten Forscherteams. Die vier Forscher haben Hunderte wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, darunter vergangenes Jahr einen Artikel in "Natur" über die Bildung von Resistenzen bei Tumoren gegen Anti-PD-1-Wirkstoffe.

Das geballte Wissen lässt sich Novartis einiges kosten. Die Gehälter von Dranoff, Engelman und Hammerman sind nicht öffentlich bekannt. Für Bradner weist Novartis im Geschäftsbericht 2016 einen Lohn von 5,7 Millionen Dollar aus. Die akademische Welt kann da nicht mithalten.

(Reuters)