Deutschland leistet HilfeLeitungen flicken für ein bisschen Normalität im Irak

Der Krieg in Syrien beherrscht die Schlagzeilen, um den Kampf gegen den IS im Irak ist es still geworden. Dort sind die Extremisten aus vielen Landesteilen wieder vertrieben, die Gefechte konzentrieren sich auf Mossul.
18.02.2017 09:06
Die Rückeroberung des Ostens von Mossul durch irakische Einheiten bezeichnete Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender, als wichtigen Erfolg.
Die Rückeroberung des Ostens von Mossul durch irakische Einheiten bezeichnete Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender, als wichtigen Erfolg.
Bild: ZVG

In den zurückeroberten Gebieten sind schon seit über einem Jahr einheimische UN-Mitarbeiter unterwegs, um Sprengfallen zu räumen, Wasser- und Stromleitungen zu flicken oder Schulen und Brücken auszubessern. Deutschland beteiligt sich maßgeblich an Planung und Finanzierung dieser Starthilfe, die lange vor einem strukturierten Wiederaufbau kommt und den Menschen erst einmal die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen soll.

Am Montag stellte die deutsche Bundesregierung dem Irak zusätzlich einen Kredit über 500 Millionen Euro zur Verfügung, der auch den Menschen in Mossul nach der endgültigen Befreiung der Millionen-Stadt zugutekommen dürfte. Allein militärisch sei der IS nicht zu besiegen, erklärte Außenminister Sigmar Gabriel dazu. "Nur wenn die Menschen in den von IS befreiten Gebieten für sich und ihre Familien eine gute Zukunft sehen, wird Extremismus und Terrorismus der Nährboden entzogen." Die Rückeroberung des Ostens von Mossul durch irakische Einheiten bezeichnete Gabriel als wichtigen Erfolg. Schon jetzt seien Zehntausende Menschen in die Vororte und die befreiten Stadtteile zurückgekehrt. Bislang gibt Deutschland, das in der Anti-IS-Koalition den Co-Vorsitz der Arbeitsgruppe Stabilisierung hat, für die Starthilfe in den befreiten Gebieten etwa 40 Millionen Euro pro Jahr aus.

Im Mossul kreuzen sich viele unterschiedliche Interessen

Die Rückeroberung Mossuls ist allerdings nicht nur militärisch entscheidend. Die hauptsächlich von Sunniten bewohnte Metropole im Norden, die vor dem Krieg zwei Millionen Einwohner hatte, ist ein Symbol und auch eine Bewährungsprobe: Dafür, ob ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Sunniten, Schiiten und Kurden in dem fragilen Land möglich ist. Die Verantwortlichen in der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad achteten daher schon bei der Planung der Schlacht um Mossul peinlich genau darauf, wo Einheiten welcher Volksgruppen-Zugehörigkeit zum Einsatz kommen würden. So sollten Racheakte oder Zusammenstöße vermieden werden, wenn etwa schiitische Truppen in rein sunnitische Gebiete vordringen.

"Mossul ist die letzte Bastion von Daesh (arabischer Name für den IS) in Irak. Wie diese Stadt befreit wird, ist absolut entscheidend für die Zukunft des Landes", sagt ein Irak-Experte im Auswärtigen Amt. Danach dürfte auch die Stabilisierung Mossuls eine besondere Herausforderung werden, da in der Stadt viele Interessen aufeinanderstoßen: Die Türkei nimmt hier Einfluss, weil Mossul quasi vor ihrer Haustür liegt. Der Iran misst der Region große Bedeutung zu, weil er sie nach Aussage von Sicherheitsexperten als Transportroute für Militärmaterial nach Syrien nutzt. Und den Kurden, die im Norden der Stadt stehen, wird zwar kein Interesse an Mossul selbst nachgesagt, sie würden aber nur zu gern einen Teil der Gebiete behalten, die sie dem IS abgenommen haben und die auch Land umfassen, das bisher mit der Zentralregierung umstritten ist.

«Die Menschen wollen bleiben - wenn sie die Chance bekommen»

Wenn die Zahl der Rückkehrer ein Gradmesser für den Erfolg ist, geht das auch von der Weltbank verfolgte Konzept der Starthilfe zumindest im Süden des Landes bereits auf: Nach Tikrit sollen alle Geflohenen zurückgekehrt sein, in der Stadt Ramadi sind angeblich schon 320.000 Menschen. Die Eroberung von West-Mossul wird möglicherweise noch eine Weile dauern. Dann aber sollen die Stabilisierungsmaßnahmen hier ähnlich wie in den Städten im Süden vorangetrieben werden. "Nach der Befreiung Mossuls von IS muss man den Frieden gewinnen und den Vertriebenen die Rückkehr ermöglichen", betont der Irak-Experte aus dem Auswärtigen Amt. Wie in der Vergangenheit wollen sich die ausländischen Geldgeber dabei mit der Regierung in Bagdad und den Gouverneuren vor Ort abstimmen, damit die Unterstützung auch sitzt.

In der Umgebung Mossuls läuft die Hilfe bereits an. "In den befreiten Gebieten im Umland gibt es erste Stabilisierungsmaßnahmen", sagt der Irak-Experte. In Mossul selbst sind die Helfer dagegen noch nicht zugange, da der Osten der Stadt immer wieder beschossen wird. Dennoch kommen die ersten Menschen zurück. "Etwa 30.000 Menschen sind bereits in den befreiten Ostteil Mossuls zurückgekehrt, obwohl die Bedingungen dort bislang alles andere als ideal sind", sagt der Experte. "Das zeigt: Wenn es eine realistische Chance gibt, wollen die Menschen in ihre alte Heimat zurückkommen. Aber man muss ihnen diese Chance geben". 

(Reuters)