Trotz Negativzinsen - Euro-Kreditvergabe harzt weiterhin

Vom Zustrom neuer Gelder haben die Banken im Euroraum nur wenig in Kredite an Unternehmen und Konsumenten umgemünzt. Stattdessen haben sie einen Grossteil des Geldes bei der EZB geparkt und dafür Milliarden gezahlt.
12.03.2017 12:00
Die Europäische Zentralbank hat die Geldschleusen weit geöffnet.
Die Europäische Zentralbank hat die Geldschleusen weit geöffnet.
Bild: Pixabay

Seit Juni 2014, als die EZB die Zinsen unter Null gesenkt hat, sind die Einlagen bei Euroraum-Banken um 802 Milliarden Euro geklettert, wie aus Zentralbankdaten bis Ende Januar hervorgeht. Die Ausleihungen an Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors und Verbraucher im Währungsraum sind im gleichen Zeitraum um 169 Milliarden Euro gestiegen, während die Einlagen bei der EZB, die über die erforderlichen Reserven hinausgehen, um 1,1 Billionen Euro zugelegt haben.

Negativzinsen sollen eigentlich die Fremdkapitalkosten nach unten drücken und dadurch das Kreditgeschäft anschieben. Aber in einigen Euroraum-Ländern haben Banken die Darlehensvergabe reduziert, weil sie mit Bergen von notleidenden Krediten und schwacher Kapitalausstattung zu kämpfen haben. Zwar sind die Banken mittlerweile finanziell solider, aber es gibt wenig Nachfrage nach Geld wegen der Unsicherheiten um den Welthandel und das Wachstum in der Region. Banken- und Staatsschuldenkrisen in einigen Euroraum-Ländern haben auch die grenzüberschreitende Kreditvergabe gedämpft.

"Es handelt sich um Probleme der Nachfrageseite in den skandinavischen Ländern, Deutschland, Österreich und den Niederlanden", sagt Jan Schildbach, Leiter Analyse für Banken- und Finanzmärkte bei der Deutschen Bank in Frankfurt. "Im Süden ist es die Angebotsseite. Einlagenwachstum, insbesondere von Unternehmen, ist wahrscheinlich ein Signal für diese schwache Nachfrage in vielen Ländern."

Kreditrückgang gestoppt

Die EZB hat den Einlagensatz in vier Stufen auf minus 0,4 Prozent gesenkt. Das bedeutet, dass Banken jährlich 0,4 Prozent für die von ihnen bei der EZB geparkten Überschussreserven zahlen. Die an die Notenbank im vergangenen Jahr gezahlten Zinsen auf diese Gelder summieren sich auf 3,6 Milliarden Euro, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen.

Auch wenn die Negativzinsen nicht zu einer Kreditwelle führten, haben sie zumindest den Rückgang gestoppt. In den zwei Jahren vor Juni 2014 sind Kredite an Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors und an private Haushalte um 5,2 Prozent gesunken. 2015 sind sie um 0,5 Prozent und 2016 um 1,4 Prozent gestiegen.

Einige Banken haben Unternehmenskunden für Einlagen zur Kasse gebeten, und dennoch sind die von Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors gehaltenen Mittel um 18 Prozent gestiegen, seit die Zinsen in den Negativ-Bereich abgerutscht sind, zeigen EZB-Daten. Die Spareinlagen von Privatpersonen, die für Einlagen nicht belastet werden, haben um 7,6 Prozent zugelegt.

Banken arbeiten weniger rentabel

Negative Zinsen schmälern auch die Rentabilität der Banken, da sie die Zinsmargen drücken. Banken verdienen an der Differenz zwischen dem was, sie den Gläubigern zahlen und was sie von den Kreditnehmern erhalten. Wenn die Zinsen nahe Null sind, verringert sich der Spread zwischen diesen beiden. Einlagen, die nicht in Kredite fliessen, kommen noch nicht einmal in den Genuss dieses geringeren Spreads und kosten die Banken die an die EZB gezahlten Zinsen.

Die Netto-Zinserträge für die 20 grössten Euroraum-Banken sind im vergangenen Jahr um fünf Prozent gesunken, während die Rückstellungen für Kreditverluste um 27 Prozent geklettert sind, wie aus von der Deutschen Bank zusammengestellten Daten hervorgeht. Das führte zu einem Rückgang von fast 50 Prozent bei den Nettogewinnen auf 33 Milliarden Euro, schrieb die Bank in einer Studie vom 2. März.

Eine zu hohe Zahl an Banken in einigen europäischen Ländern beeinträchtige ebenfalls die Rentabilität, sagt Algebris Investments, ein auf Finanzinstitute konzentrierter Hedgefonds. "Selbst die EZB sagt, dass effiziente Banken dem Wirtschaftswachstum helfen, aber viele europäische Banken sind weiterhin ineffizient", erklärt Alberto Gallo, Partner bei Algebris in London. "Es gibt zu viele Banken, zu viele Filialen, zu wenig Konsolidierung."

 

Portugal, Italien und Deutschland haben laut Effizienz-Index des Hedgefonds die am wenigsten effizienten Banken in Europa. Diese Ineffizienzen verstärken sich, wenn Extra-Ersparnisse in einem Land nicht dahin fliessen können, wo das Geld benötigt wird. Seit 2010 haben Banken in nördlichen Ländern ihr Engagement bei Banken, Staaten und Unternehmen im Süden reduziert.

Wachsende Ungleichgewichte zwischen den Forderungen und Verbindlichkeiten, die nationale Zentralbanken gegenüber einander haben, zeigen dass die Kapitalabflüsse aus Peripheriestaaten anhalten, wie Bruegel, ein in Brüssel beheimatetes Research-Institut, angibt. Das quantitative Lockerungsprogramm der EZB hat das nicht stoppen können.

"Das bedeutet, dass eine deutsche Bank oder ein Fonds, die im Rahmen des QE-Programms italienische Staatsanleihen an die EZB verkaufen, die Mittel nicht zurück nach Italien fliessen lassen", sagt Guntram Wolff, Direktor bei Bruegel. "Das verringert auch die Effektivität von QE, weil die Länder, die geldpolitische Stimuli benötigen, diese nicht wirklich erhalten."

(Bloomberg)