Jean Zieglers neun Treffen mit Fidel Castro

Wohl kein anderer Schweizer hatte so oft Kontakt zu Fidel Castro wie der emeritierte Soziologieprofessor und alt SP-Nationalrat Jean Ziegler. Er war der einzige UNO-Sonderberichterstatter, den das Regime empfangen hat. Noch im Juni sprach Ziegler im Staatsfernsehen.
26.11.2016 15:35

Insgesamt neun Mal hat Ziegler Fidel Castro zwischen Ende der 60er-Jahre und 2006 getroffen. "Einige Male war ich bei ihm zuhause", sagte Ziegler am Samstag zur Nachrichtenagentur sda.

Doch nicht nur mit dem Revolutionsführer und ehemaligen Staatschef stand Ziegler in Kontakt. Der Genfer Soziologe trat an der Akademie der Wissenschaften auf, und auch in seiner Rolle als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung reiste er 2007 in den kommunistisch regierten Inselstaat. Er war der einzige Sonderberichterstatter, den das Regime empfangen hat.

Letztmals war der 82-jährige Ziegler im Juni dieses Jahres in Kuba. Ein Treffen mit Fidel Castro kam wegen dessen Gesundheitszustand nicht zustande. Dafür wurde Ziegler eingeladen, im Staatsfernsehen eine Rede zu halten. Er ist überzeugt, dass dies Fidels Initiative war. "Er hatte zwar schon lange keine Befehlsbefugnis mehr, aber als Autorität und graue Eminenz nahm er nach wie vor Einfluss."

Ob er zu den Trauerfeierlichkeiten nach Kuba reisen wird, will Ziegler noch am Wochenende entscheiden. Bereits am Samstagmorgen stand er in telefonischem Kontakt mit der kubanischen Botschaft.

"Fidel war kein enger Freund", sagt Ziegler. Zu Staatschefs unterhalte man keine engen persönlichen Freundschaften. Seine Beziehung zu Fidel sei die eines linken, anti-imperialistischen Intellektuellen aus Europa zu einem Revolutionsführer gewesen.

Ziegler findet nur anerkennende Worte für Fidel - für den Mann, wie er betont, nicht für den Regierungschef. "Äusserst herzlich", neugierig, offen und unkompliziert sei er gewesen, sagt Ziegler.

Ein Dokumentarfilm über den streitbaren Genfer ist im August am Filmfestival Locarno gezeigt worden: "Jean Ziegler, l'optimisme de la volonté". Darin ist er ebenfalls in Kuba unterwegs. Je länger sich Ziegler im revolutionären Paradies aufhalte, schrieb ein Kritiker, desto stärker kollidiere seine Rhetorik mit dem kubanischen Alltag.

(SDA)