Keller-Messahli: "Wir unternehmen zu wenig gegen radikale Prediger"

Für Islamexpertin Saïda Keller-Messahli wird in der Schweiz zu wenig gegen radikale Prediger unternommen. Der Imam, der in einer Bieler Moschee Hassbotschaften gepredigt haben soll, sei kein Einzelfall, sagt sie in der "NZZ am Sonntag" und dem "SonntagsBlick".
27.08.2017 13:36

Diese Art von Diskurs, die bei Zuhörern Gefühle von Opfersein, Aggression und Intoleranz mobilisieren wolle, lasse sich in diversen Moscheen finden. "Solche Prediger bereiten den geistigen Boden für Gewalt vor. Sie sind als Brandbeschleuniger zu betrachten." Die Folge davon seien im schlimmsten Fall Dschihadisten mit einem Hass gegen die Gesellschaft.

Eine Mehrheit der Moscheen ist gemäss der Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam "äusserst konservativ". Auch wiesen die meisten Imame, die in Schweizer Moscheen predigten, einen Hang zum Salafismus auf. "Sie vertreten einen Islam, mit dem sich die meisten Muslime in der Schweiz nicht identifizieren können." Das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die moderaten Muslime werde durch die Islamisten zerstört.

Von der Politik und den Behörden fordert Keller-Messahli deshalb ein hartes Durchgreifen. "Alle Moscheen und Gastprediger müssen ganz genau überwacht werden." Bis jetzt habe man die radikalen Islamisten dort einfach machen lassen. "Sie haben diesen Umstand ausgenutzt, um ihre Macht voranzutreiben."

Imame und islamische Seelsorger in der Schweiz sollten in einem öffentlichen Register geführt werden. Es brauche eine amtliche Bewilligung zur Ausübung dieser Funktion.

"Heute kann sich de facto jeder Imam nennen und einfach loslegen." Sie befürwortet deshalb eine staatlich anerkannte und vom Ausland unabhängige Ausbildung zum Imam. Mit einer solchen befasst sich derzeit der Bundesrat.

Sie sehe, dass viele Akteure, die radikales Gedankengut verbreiteten, nicht unabhängig agierten, sagt die 60-Jährige. Vielmehr seien diese in Organisationen eingebunden, die sich ausserhalb der Schweiz befänden. "Das hat System. Es entsteht der Eindruck, dass die Imame einen klaren Auftrag haben."

Die Schweiz sei eine Drehscheibe radikaler Imame. Viele Schweizer Behörden und Politiker realisierten die engen Verstrickungen zwischen islamistischen Fanatikern in der Schweiz und im Ausland leider nicht. "Sie legen im Umgang mit dem organisierten Islam eine eklatante Naivität an den Tag."

Ausländische islamistische Prediger sollte die Schweiz daher konsequent ausweisen oder ihre Einreise in die Schweiz verhindern. Auch könnten Behörden entschlossener mit Organisationen und Personen im Ausland kooperieren, die islamistische Prediger in ihren Ländern bekämpften.

Für Keller-Messahli, die 2016 den schweizerischen Menschenrechtspreis erhielt, stellen viele Moscheen "eine Art Parallelgesellschaft" dar, die abseits der Öffentlichkeit ihr eigenes Süppchen koche. "Nur wenige haben eine Ahnung davon, was in den Moscheen wirklich läuft, wie dort schon Kinder auf Kurs gebracht werden." Echte soziale Integration werde verhindert.

Im Fall des Imams in der Bieler Moschee trat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) am Sonntag im "SonntagsBlick" geäusserten Vorwürfen entgegen, er sei untätig gewesen. Die Sicherheitsbehörden - unter anderem der NDB - hätten seit 2005 in mehreren Fällen gegen den Imam ermittelt, teilte der NDB auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda mit.

Ohne konkreten Gewaltbezug habe er keine rechtliche Grundlage, um Moscheen oder Imame zu beobachten. Seit Ende 2016 liefen nun die Ermittlungen gegen den Bieler Imam wegen des Verdachts auf Radikalisierung und Aufruf zu Gewalt. Diese seien noch nicht abgeschlossen.

(SDA)