Kunstmuseum Bern gibt Einblick in Restaurierung von Gurlitt-Werken

Nach mehrjährigem Erbstreit sind die ersten 220 Bilder aus dem Gurlitt-Nachlass im Kunstmuseum Bern eingetroffen. Dort werden sie derzeit restauriert, bevor eine Auswahl im Herbst an einer grossen Schau gezeigt wird.
18.08.2017 15:23

Für die umfangreichen Restaurierungsarbeiten hat das Kunstmuseum im Untergeschoss Platz leergeräumt und eine temporäre Werkstatt eingerichtet. Durch ein grosses Fenster können Museumsbesucher den Restauratorinnen und Restauratoren bei der Arbeit über die Schulter gucken.

Mit all den Pinseln, Pinzetten und Pipetten, den hellen Leuchten, Mikroskopen und Bildschirmen erinnert der Raum an eine Klinik. Doch auf den weiss bespannten Tischen liegen nicht menschliche Patienten, sondern Bilder.

Die Werke gehörten dem Deutschen Kunstsammler Cornelius Gurlitt, der sie jahrelang verschwiegen in seiner Wohnung in München und in einem heruntergekommenen Haus in Salzburg hortete. Zusammengetragen hatte sie Gurlitts Vater, ein von den Nationalsozialisten beauftragter Kunsthändler.

Vor seinem Tod im Jahr 2014 vermachte Sohn Cornelius die historisch belastete Sammlung überraschend dem Kunstmuseum Bern. Seither wird die Herkunft der Bilder erforscht. Belastete Bilder sollen an die rechtmässigen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben werden.

Nach längerem Erbstreit mit entfernten Gurlitt-Verwandten wurde das Kunstmuseum Bern letzten Dezember als Alleinerbin bestätigt. "Nun haben die Kunstspezialisten die Juristen abgelöst", freute sich Stiftungsratspräsident Jürg Bucher am Freitag bei einem Rundgang durch die Restaurierungswerkstatt im Kunstmuseum Bern.

Und die Kunstspezialisten haben alle Hände voll zu tun: zuerst werden die Werke kunsttechnologisch untersucht und dann konserviert und für die Ausstellung oder die Einlagerung vorbereitet - eine enorme Fleissarbeit. Tatkräftige Unterstützung erhält das Kunstmuseum von Studierenden der Hochschule für Künste Bern.

Anna Aegerter ist eine solche Praktikantin. Hochkonzentriert tupft sie Methylcellulose auf den Rand eines Werks des Expressionisten Otto Müller. Mit ruhiger Hand löst sie dann mit einer Pinzette ein Klebeband ab. "Das Papier ist dünn", weiss die junge Studentin und geht äusserst behutsam vor.

Mit Plastikplanen vom Rest der Werkstatt abgetrennt liegt auf einem Tisch das Kandinsky-Aquarell "Schweres Schweben" aus dem Jahr 1924. Das Werk litt unter Schimmelbefall. Damit die Sporen nicht auf die Bestände des Kunstmuseums Bern übergreifen, wurde der Kandinsky kurzerhand in Quarantäne genommen.

Im Schutzanzug und mit einem Mikrosauggerät nehmen die Restauratoren ihren Kampf gegen den Schimmelbefall auf. Eine Art Schmutzschleuse mit klebrigem Boden verhindert, dass die Sporen aus der Quarantänestation ins Museum getragen werden.

Vor allem die Werke, die Gurlitt in seinem Salzburger "Versteck" gehortet hatte, weisen Schäden auf. Die Bilder mussten zuerst ausgerahmt und von Spinnweben und und Staub befreit werden.

Die Bilder, die der Rentner in seiner Münchner Wohnung aufbewahrte, befanden sich in einem besseren Zustand, wie Nathalie Bäschlin, Leiterin des Teams Konservierung und Restaurierung am Kunstmuseum Bern ausführte.

Bei ihrer Arbeit bewegen sich die Restauratoren in einem Spannungsfeld. Wie stark sollen sie beispielsweise eingreifen, um ein Bild zu erhalten und wie kann dem Werk und seiner Geschichte Rechnung getragen werden.

Anfang November wird eine Auswahl von Werken aus dem Gurlitt-Nachlass vom Kunstmuseum Bern an einer gemeinsamen Ausstellung mit der Bundeskunsthalle in Bonn der Öffentlichkeit präsentiert.

Nicht nur die Restauratoren seien mit Hochdruck an der Arbeit, auch die Kuratoren der Ausstellung und die Provenienzforschenden, betonte Museumsdirektorin Nina Zimmer.

(SDA)