Literaturnobelpreisträger Pamuk warnt vor "Terrorregime" in Türkei

Nach der Festnahme eines prominenten Journalisten und dessen Bruder in der Türkei hat Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk die Regierung äusserst scharf kritisiert. Das Land bewege sich "mit grosser Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime".
11.09.2016 16:25

Die Gedankenfreiheit existiere nicht mehr, schrieb Pamuk am Sonntag in einem Beitrag für die italienische Zeitung "La Repubblica". In der Türkei würden nach und nach alle, die das Handeln der Regierung kritisierten, eingesperrt.

"Ich bin voller Wut und äussere meine schärfste Kritik an der Festnahme des Schriftsteller Ahmet Altan, einer der wichtigsten Federn des türkischen Journalismus, und seines Bruder Mehmet Altan, einem renommierten Akademiker und Ökonomen", schrieb Pamuk weiter.

Die Anti-Terror-Polizei hatte die beiden Brüder am Samstag in Istanbul festgenommen. Medienberichten zufolge stehen die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 15. Juli, für den die Regierung den islamischen Prediger Fethullah Gülen verantwortlich macht.

Demnach geht es um Äusserungen der Brüder in einem der Gülen-Bewegung nahestehenden Sender am Vorabend des Putsches. Beide hätten am 14. Juli in einer Live-Fernsehsendung "unterschwellige Botschaften" über den am Tag darauf ausgeführten Putschversuch verbreitet, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Samstag.

Ahmet Altan ist einer der bekanntesten Journalisten der Türkei. Er arbeitete viele Jahre lang als Kolumnist für Zeitungen wie "Hürriyet" und "Milliyet".

2007 gründete er seine eigene Zeitung "Taraf". Bis 2012 war er Chefredaktor des regierungskritischen Blatts, das inzwischen geschlossen wurde. Er hat zudem mehrere Romane geschrieben. Sein Bruder Mehmet ist Autor mehrerer politischer Bücher.

Die Regierung geht seit dem gescheiterten Umsturzversuch massiv gegen mutmassliche Gülen-Anhänger und Einrichtungen des islamischen Predigers in der Türkei vor.

Zehntausende Mitarbeiter von Armee, Polizei, Justiz und Regierung sowie Lehrer, Dozenten und Journalisten wurden festgenommen, ihrer Posten enthoben oder versetzt. Gülen selbst verurteilte den Putschversuch scharf und bestritt jede Verwicklung.

Jüngster Akt im Vorgehen der Regierung gegen ihre Gegner ist die Absetzung zahlreiche Gemeindepräsidenten vor allem im Kurdengebiet. 24 Gemeindepräsidenten im Südosten des Landes wurden unter dem Vorwurf abgesetzt, Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu unterhalten.

Vier weitere Gemeindepräsidenten wurden ihrer Posten enthoben, weil sie verdächtigt werden, der Gülen-Bewegung anzugehören. Sie seien durch vom Staat ernannte Beamte ersetzt worden, teilte das Innenministerium am Sonntag mit.

Betroffen sind vorwiegend Politiker der prokurdischen HDP. Die Oppositionspartei verurteilte das Vorgehen gegen die 2014 gewählten Gemeindepräsidenten als "Putsch".

Innenminister Süleyman Soylu erklärte hingegen, es dürfe nicht zugelassen werden, dass "Terroristen" das Sagen in den Rathäusern hätten. Betroffen sind etwa die Stadtpräsidenten der Städte Silvan, Batman, Hakkari und der Ortschaft Nusaybin an der Grenze zu Syrien.

(SDA)